Koordinaten der Arbeit im Land Bremen

Kammer legt zweite repräsentative Befragung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern vor

Die Ergebnisse sind repräsentativ, stehen also stellvertretend für alle Beschäftigten im Land Bremen. Deshalb lassen sich auch Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Belastungen, der Zufriedenheit und den Sorgen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern herstellen und daraus wichtige Handlungsbedarfe im Interesse unserer Mitglieder aufzeigen.

Welchen Belastungen sind Sie am Arbeitsplatz ausgesetzt? Wie steht es mit Weiter- und Fortbildung in Ihrem Betrieb und wie weit ist Ihr Arbeitsplatz schon von Digitalisierung betroffen? Diese und ähnliche Fragen hat die Arbeitnehmerkammer in ihrer zweiten repräsentativen Beschäftigtenbefragung gestellt, die das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (infas) im Auftrag durchführt. Die erste Befragung fand 2017 statt.

Im Überblick: Die Ergebnisse der Befragung 2019

Wer wurde befragt

Mit der Befragung hat die Arbeitnehmerkammer, wie bereits 2017, das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft GmbH beauftragt. Befragt wurden ausschließlich Beschäftigte im Alter von 16 bis 65 Jahren in einem Arbeitsverhältnis oder Ausbildungsverhältnis, das mindestens fünf Arbeitsstunden pro Woche umfasst.

Neben den in Bremen wohnenden Beschäftigten wurden die Einpendlerinnen und Einpendler aus Niedersachsen, Hamburg oder weiteren Bundesländern einbezogen. Die Befragung 2019 basiert auf der Panelstichprobe, d.h. derjenigen Befragten, die sich 2017 zu einer erneuten Kontaktierung für eine Folgebefragung bereit erklärt hatten, sowie aus einer Auffrischungsstichprobe, die ergänzend aus der
Beschäftigtendatei der Bundesagentur für Arbeit gezogen wurde.

Die Erhebung wurde als Telefonbefragung durchgeführt. Auf Basis der repräsentativen Stichprobenziehung konnten 1.918 Interviews realisiert werden. Diese bilden die im Land Bremen beschäftigten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bezogen auf unterschiedliche Strukturmerkmale vollständig und repräsentativ ab. Die Studienergebnisse geben also Auskunft über die gesamte Arbeitnehmerschaft mit Arbeits- oder Ausbildungsverhältnis im Land Bremen und ermöglichen daher Rückschlüsse auf politische Handlungsbedarfe.

Struktur der Arbeitnehmerschaft

Gut die Hälfte der im Land Bremen Beschäftigten sind Berufspendler, davon mit 60 Prozent mehrheitlich Männer. Insgesamt über zwei Fünftel wohnen außerhalb des Landes Bremen, knapp die Hälfte im Stadtgebiet Bremen und ein Zehntel im Stadtgebiet Bremerhaven. Der Arbeitsplatz der bremischen Beschäftigten liegt hingegen zu 80 Prozent in der Stadt Bremen und zu 20 Prozent in Bremerhaven.

54 Prozent der Beschäftigten im Land Bremen sind männlich, 46 Prozent weiblich. Das Durchschnittsalter liegt bei 42 Jahren. 55 Prozent der Befragten besitzen einen betrieblichen oder schulischen Berufsabschluss, 8 Prozent einen Meister-, Techniker- oder Bachelorabschluss und 14 Prozent einen Hochschulabschluss (inklusive Fachhochschulen). Der Anteil, der Beschäftigten ohne beruflichen Abschluss beträgt 10 Prozent. Insgesamt ein Viertel der Befragten (25 Prozent) weist einen Migrationshintergrund auf.

Betriebliche Strukturen

Die Beschäftigtenstruktur im Land Bremen wird von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) mit Betriebsstätten zwischen 50 und 249 Beschäftigten sowie von mittleren und großen Unternehmen ab 250 Beschäftigten geprägt, in denen zusammen zwei Drittel aller Beschäftigten arbeiten.

Über 20 Prozent der Beschäftigten arbeiten in Kleinbetrieben mit bis zu 19 Beschäftigten, die Übrigen in Betrieben zwischen 20 und 49 Beschäftigten.

Mit insgesamt knapp 14 Prozent bildet das verarbeitende Gewerbe den Wirtschaftszweig mit dem größten Anteil an sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung. Größere Beschäftigtenanteile entfallen zudem auf das Gesundheits- und Sozialwesen (ca. 12 Prozent),  die Verkehrs-und Logistikbranche (11 Prozent) sowie auf wissenschaftliche und technische Dienstleistungen zu je etwa 11 Prozent.

Tätigkeitsmerkmale und Arbeitsverhältnis

Insgesamt sind 94 Prozent aller Befragten als Angestellte beschäftigt, 6 Prozent befinden sich in einer Ausbildung. 11,5 Prozent der Befragten und aus allen Altersgruppen üben neben ihrer Haupttätigkeit auch noch Nebentätigkeiten aus.

Im Land Bremen wird der Arbeitsmarkt von fachlich ausgerichteten Tätigkeitsprofilen bestimmt. Eine ausbildungsadäquate Beschäftigung üben 44 Prozent der Beschäftigten aus, 24 Prozent meinen sogar, beruflich mehr erreicht zu haben als mit ihrer Ausbildung zu erwarten war. Im Gegensatz dazu zeigen sich 28 Prozent der Befragten überzeugt, gemessen am persönlichen Ausbildungsniveau unterwertig beschäftigt zu sein.

Die Anteile der Geschlechter an den Berufsgruppen zeigen sich deutschlandtypisch stark geschlechtsspezifisch strukturiert. Produktions- und Bauberufe sowie Transport/Logistikberufe sind klar männlich dominiert, das Spektrum der meisten Dienstleistungsberufe (Sozial-, Gesundheits-, Büro- und Handelsberufe) wird hingegen von weiblichen Arbeitskräften bestimmt.

Beschäftigte mit Migrationshintergrund im Land Bremen sind am häufigsten in Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen anzutreffen, gemessen am Anteil der Arbeitskräfte ohne Migrationshintergrund. In IT- und naturwissenschaftlichen Dienstleistungsberufen sowie in Berufen der Unternehmensführung und –organisation sind sie weiterhin vergleichsweise unterrepräsentiert.

Vertraglich arbeiten 73 Prozent in Vollzeit, 24 Prozent in Teilzeit, knapp 3 Prozent sind ausschließlich in einem Minijob tätig. Nur 5 Prozent der Männer, aber 46 Prozent der Frauen sind mit Teilzeitverträgen beschäftigt. Unter Alleinerziehenden ist in Übereinstimmung zu bundesweiten Mustern der Vollzeitanteil
deutlich höher als bei Müttern mit Kindern in Paarfamilien.

90 Prozent aller Arbeitsverträge im Land Bremen sind als unbefristete Beschäftigungen angelegt, 10 Prozent sind befristet. Befristungen sind mit 32 Prozent besonders stark in der jüngsten Altersgruppe zwischen 15-24 Jahren verbreitet. Knapp 41 Prozent der Befragten mit einem befristeten Arbeitsvertrag fühlen sich dadurch stark belastet, 45 Prozent hingegen gar nicht.

Der Anteil der Leiharbeitnehmer/innen an der Gesamtzahl der Beschäftigten hat sich in den letzten zwei Jahren etwas verringert. Die gemessene Veränderung geht dabei hauptsächlich darauf zurück, dass sich von den wiederbefragten Panelteilnehmern, die noch 2017 in Leiharbeit beschäftigt waren, 2019 inzwischen in einem anderen Beschäftigungsverhältnis befinden. Der gemessene Unterschied
zwischen den Jahren 2019 und 2017 ist statistisch signifikant. Zum Erhebungszeitpunkt 2019 sind demnach 2,6 Prozent der Bremer Beschäftigten bei einem Leiharbeitsunternehmen beschäftigt. Dieser Wert liegt zwar etwas niedriger als die Leiharbeitsquote von 3,9 Prozent nach Maßgabe der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit (Stand Dezember 2018). Es lässt sich statistisch aber auch dort ein Rückgang der Leiharbeitsbeschäftigten im Land Bremen beobachten. Seit dem letzten Erhebungszeitpunkt ist die Leiharbeit demzufolge im Land Bremen zurückgegangen.

Vertragliche, faktische und gewünschte Arbeitszeit

Bei mehr als der Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fallen vertragliche und tatsächliche Arbeitszeit auseinander. So wird insgesamt im Durchschnitt etwa drei Stunden länger gearbeitet als vertraglich vorgesehen. Die tatsächliche Arbeitszeit liegt im Gesamtdurchschnitt bei 37 Stunden, bei Vollzeitkräften bei knapp 42 Stunden und bei Teilzeitkräften bei knapp 24 Stunden. Bei knapp 6 Prozent der Befragten schwankt die Arbeitszeit insgesamt stark oder ist nicht vertraglich geregelt. 11 Prozent der Beschäftigten arbeiten auf Abruf.

Verkehr/Logistik, der Krankenhaus- und Pflegesektor sowie die Baubranche bilden die Branchen, in denen am häufigsten regelmäßig Mehrarbeit in einem Umfang von über 6 Stunden auftritt. Im Hotel- und Gastgewerbe ist die Mehrarbeit über 6 Stunden deutlich zurückgegangen, bis zu 6 Stunden Mehrarbeit sind aber weiterhin weit verbreitet.

Die bremischen Beschäftigten wurden auch gefragt, welche Arbeitsdauern sie sich wünschten, wenn sie diese – unter Berücksichtigung sich verändernder Verdienste – selber wählen könnten. Knapp die Hälfte zeigt sich mit ihrer vertraglich vereinbarten Arbeitszeit zufrieden. 14 Prozent der Befragten würden ihre bezahlten Arbeitsstunden gerne aufstocken und rund 36 Prozent würden lieber weniger bezahlte Stunden arbeiten. Der Wunsch, die Stundenanzahl zu reduzieren, ist bei Vollzeitkräften stärker, bei Teilzeitbeschäftigten geringer ausgeprägt. Bei dem Wunsch, die bezahlte Stundenanzahl zu erhöhen, verhält es sich umgekehrt.

Insgesamt ist bei den Beschäftigten in Bremen die Tendenz erkennbar, dass sie ihre Arbeitszeit eher reduzieren als ausdehnen möchten. Im Einzelnen lassen sich aber Unterschiede feststellen. So wünschen sich 40 Prozent der Frauen ein Arbeitsvolumen im Rahmen der „langen Teilzeit“ (durchschnittlich 29,5 Stunden). knapp die Hälfte der Männer wünscht sich hingegen ein Volumen am unteren Rand der „normgeprägten Arbeitszeit“ (durchschnittlich 35,5 Stunden). Nach Berufsgruppen betrachtet, sind Wünsche nach mehr bezahlten Stunden bei Reinigungskräften, sozialen und kulturellen Dienstleistungsberufen sowie in Handelsberufen überdurchschnittlich weit verbreitet.

Lage der Arbeitszeit

Im Vergleich zur Befragung 2017 ist der Anteil derjenigen, denen es (fast) immer oder oft gelingt, auf familiäre und private Interessen bei der Arbeitsplanung Rücksicht zu nehmen, leicht um 3,5 Punkte auf 80,5 Prozent gestiegen. Ein Fünftel aller Befragten schafft es nach ihren Angaben indes selten oder (fast) nie, die Arbeitszeitplanung mit familiären und privaten Interessen hinreichend koordinieren zu können. Von diesen Befragten bedeutet dies für 51 Prozent eine hohe oder sehr hohe Belastung.

Schicht- und Wochenendarbeit betrifft knapp ein Drittel der Befragten, Nachtarbeit 17 Prozent der Männer und 8 Prozent der Frauen. Im Vergleich zu Beschäftigten mit Gleitzeit oder Vertrauensarbeitszeit gelingt es den Befragten mit Schichtarbeit, Wochenend- und Nachtarbeit viel seltener oder (fast) nie, Privates und Familiäres mit der Arbeitszeitplanung unter einen Hut zu bekommen. Für die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie bzw. Arbeit und Privatleben stellen ungünstige Arbeitszeitlagen wie Arbeit auf Abruf, Schichtarbeit, Nacht- und Wochenendarbeit spürbare Hindernisse und Belastungsmomente dar.

Home Office und mobile Arbeit

Ein knappes Fünftel der Bremischen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer arbeitet zumindest gelegentlich auch von zu Hause aus, also im sogenannten Home Office. Je höher der berufliche Abschluss, desto höher die Home Office-Nutzung: Weit überdurchschnittlich verbreitet ist das Arbeiten von Zuhause in den Beschäftigtengruppen mit Hochschul- (32 Prozent) und Universitätsabschluss
(44 Prozent), aber nur 5 Prozent der Beschäftigten ohne Abschluss nutzen Home Office. Die Nutzung steigt entsprechend auch nach Einkommensklassen stetig an.

Von den Beschäftigten, die (auch) von zu Hause aus arbeiten, fällt eine große Mehrheit (87 Prozent) ein positives Urteil zu dieser Arbeitsform; demzufolge überwiegen die Vorteile von Home Office. Die Zustimmung der Frauen zu Home Office fällt dabei noch deutlich höher aus (93 Prozent) als bei den Männern (81 Prozent).

Das mobile Arbeiten, also die Arbeit an wechselnden Orten und Plätzen, die nichts mit der unmittelbaren Tätigkeit zu tun haben, ist nur für 13 Prozent der Beschäftigten relevant. Von den Beschäftigten, die mindestens 25 Prozent oder mehr ihrer Arbeitszeit an wechselnden Orten oder Plätzen arbeiten, geben drei Viertel an, dass sie bei ihrer Arbeit auf mobile und digitale Technik angewiesen sind. d. Diese Form der Mobilbeschäftigung entspricht hochgerechnet etwa 10 Prozent aller Beschäftigten. Mehrheitlich wird auch diese Arbeitsform von den Betroffenen positiv bewertet, es werden damit überwiegend Vorteile (52 Prozent) bzw. viele Vorteile (20 Prozent) verbunden. Bei 21 Prozent sind die Rahmenbedingungen für die mobile Arbeit lediglich mündlich geregelt und für 14 Prozent liegt keine explizite Regelung vor.

Arbeitsbedingungen und Arbeitsplatzkontext

Bei knapp einer Hälfte der Beschäftigten im Land Bremen beinhaltet die Arbeit auch körperliche Arbeitstätigkeiten. 29 Prozent dieser Beschäftigten erachtet dies als hoch belastend, vor allem in den Bauberufen, Verkehrs-/Logistikberufen, Gesundheitsberufen sowie den fertigungstechnischen Berufen. 30 Prozent aller Befragten stellt fest, dass sie ihre Arbeit häufig in emotional belastende Situationen bringt. Spezifische Belastungen oder Anforderungen erwachsen überdies aus Menge und Art des Arbeitsanfalls und der Intensität der Tätigkeit. So fühlen sich knapp zwei Drittel der Beschäftigten genötigt, häufig sehr schnell zu arbeiten. Bei einer knappen Hälfte der Befragten staut sich Arbeit an aufgrund unregelmäßigen Arbeitsanfalls. Über ein Drittel hat das Gefühl, oft nicht genug Zeit für alle Arbeitsaufgaben zu haben. Ebenfalls ein knappes Drittel fühlt sich der Notwendigkeit zu häufigen Überstunden ausgesetzt.

Die Hälfte aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer berichtet insgesamt von gestiegenem Stress und Arbeitsdruck im Zeitraum der letzten drei Jahre. Über zwei Fünftel davon erleben diese Stresszunahme als Belastung. Bei über 60 Prozent der Befragten sind auch die fachlichen Anforderungen in den vergangenen drei Jahren gestiegen. Ein Viertel dieser Beschäftigten nimmt diese Veränderungen als eine starke Belastung wahr. Diese Befunde zur Einschätzung der Arbeitsbedingungen sind insgesamt sehr stabil im Vergleich zur Ersterhebung 2017.

Gestaltungsmöglichkeiten und Betriebskultur

Eigene Gestaltungs- und Handlungsspielräume bei der Arbeit tragen in hohem Maße zur nachhaltigen Arbeitsfähigkeit bei. Drei Viertel der bremischen Arbeitnehmerschaft geben an, in hohem Maße über Entscheidungsfreiräume bei der Aufgabenerledigung zu verfügen und zwei Drittel der Befragten sind von einem Abwechslungsreichtum ihrer Arbeitstätigkeit überzeugt. Auf die Menge der übertragenen Arbeit kann hingegen nur ein Drittel hohen Einfluss nehmen. Solche Handlungsspielräume genießen bei den Beschäftigten insgesamt einen sehr hohen Stellenwert. Auch den Befragten, denen diese qualitativen Merkmale am Arbeitsplatz bisher fehlen, wäre es wichtig, diese Gestaltungsressourcen zu bekommen. So wären für 49 Prozent der Befragten (2017: 63 Prozent) mit wenig Gestaltungsfreiräumen am Arbeitsplatz solche Spielräume wichtig. Und 65 Prozent der Arbeitskräfte ohne abwechslungsreiche Tätigkeit (2017: 59 Prozent) wäre es wichtig, mehr Abwechslungsreichtum am Arbeitsplatz verwirklicht zu sehen. Außerdem würden sich 51 Prozent der Beschäftigten wünschen (2017: 58 Prozent), die auf die übertragene Arbeitsmenge keinen oder kaum Einfluss haben, diesbezüglich mitgestalten zu dürfen.

Auch das Verhalten von Vorgesetzten ist von großer Bedeutung für die Arbeitszufriedenheit von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Zwei Drittel meinen, dass ihr Vorgesetzter häufig Hilfe und Unterstützung leiste. Etwas weniger als die Hälfte der Beschäftigten berichtet von einer häufigen Rückmeldung der/des Vorgesetzten zur Qualität ihrer geleisteten Arbeit.

Bei Auszubildenden, die nach ihrem Status im Betrieb eine besonders gute Leitung, Förderung und Unterstützung im Betrieb brauchen, sehen sich 13 Prozent der Auszubildenden selten oder (fast) nie von der oder dem Vorgesetzten unterstützt. 30 Prozent der Auszubildenden erhalten nur selten oder (fast) nie Rückmeldung zur Qualität ihrer Arbeit. Angesichts der betrieblichen Verantwortung für den Ausbildungsauftrag zeigen sich hier noch klare Verbesserungspotentiale.

Mit Blick auf den kollegialen Zusammenhalt fällt das Urteil der Beschäftigten mit Abstand besser aus als in Hinblick auf die Vorgesetztenkultur. So erfahren 83 Prozent insgesamt häufige Hilfe durch die Kolleginnen und Kollegen. Fast 93 Prozent berichten von einer durchgehend oder häufig guten Arbeitsatmosphäre sowie 90 Prozent von einer durchgehend oder häufig guten Zusammenarbeit mit den Arbeitskolleginnen und -kollegen.

Identifikation und Anerkennung

83 Prozent der Beschäftigten im Land Bremen identifizieren sich in hohem Maße mit der eigenen Arbeit. Überdies sind drei Viertel der bremischen Arbeitnehmerschaft auch in hohem Maße davon überzeugt, mit ihrer Arbeit einen gesellschaftlich relevanten Beitrag zu leisten. Allerdings gibt es eine gewisse Lücke zwischen der gesellschaftlichen Relevanz, die die Beschäftigten ihrer Arbeit zumessen, und der gesellschaftlichen Anerkennung des eigenen Berufs. Einzelne Gruppen sind weniger von der Anerkennung überzeugt. Insbesondere Beschäftigte der Gesundheitsberufe und Gastgewerbeberufe beurteilen die gesellschaftliche Anerkennung ihres Berufs zurückhaltend.

Mit dem Arbeitsverdienst sind insgesamt 70 Prozent der Befragten zufrieden, dabei sind die jüngeren Alterskohorten deutlich weniger zufrieden als die älteren Jahrgänge. Nach Berufsgruppen betrachtet, findet sich wenig Zufriedenheit mit dem Gehalt im Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen (54 Prozent), und Gesundheitsberufen (55 Prozent).

Gesundheit

Der allgemeine Gesundheitszustand wird von den Beschäftigten mehrheitlich (65 Prozent) als gut bzw. sehr gut wahrgenommen, 11 Prozent betrachten ihren Gesundheitszustand als weniger gut oder schlecht. Dabei spielen Alter, soziale und berufliche Lage bei der Bewertung des Gesundheitszustands eine wichtige Rolle.

Die Beschäftigten wurden auch gefragt, inwieweit die persönliche Arbeitstätigkeit ihre Gesundheit beeinflusst. Ein Fünftel der Befragten konstatiert insgesamt einen positiven Einfluss der Arbeit auf die Gesundheit. Zwei Fünftel sehen indes eher einen negativen Einfluss der Arbeit auf die eigene Gesundheit. Beschäftigte aus Lebensmittel- und Gastgewerbeberufen sowie aus unternehmensbezogenen Dienstleistungsberufen zeigen sich 2019 überdurchschnittlich stark von den negativen Wirkungen der Arbeit auf die Gesundheit überzeugt.

Grund zur Sorge eröffnen die Befunde zum sogenannten „Präsentismus“, also dem Phänomen, trotz eines Krankheitszustandes zur Arbeit zu gehen. Im Durchschnitt aller Angaben sind Beschäftigte aus dem Land Bremen in den letzten 12 Monaten neun Tage bei der Arbeit anwesend gewesen, obwohl sie sich eigentlich krank fühlten. Über ein Viertel aller Befragten ist im Krankheitsfall nie zur Arbeit gegangen, ein Fünftel ist dagegen trotz Krankheitssymptomen 15 Tage und länger bei der Arbeit erschienen. 33 Prozent waren im Umfang von einem bis fünf Tagen und 16 Prozent zwischen sechs und zehn Tagen trotz Krankheit bei der Arbeit anwesend.

Auch die subjektiv eingeschätzte Arbeits- und Leistungsfähigkeit stellt einen Gesundheitsindikator dar. Immerhin 29 Prozent aller Beschäftigten im Land Bremen glauben nicht, ihre derzeitige Tätigkeit bis zum regulären Rentenalter ausüben zu können. Darüber hinaus liegt im Land Bremen noch ein großes, unterausgeschöpftes Potenzial für Maßnahmen der präventiven betrieblichen Gesundheitsförderung vor. Lediglich 57 Prozent der Beschäftigten berichten von Angeboten ihres Arbeitgebers zu Maßnahmen zur Gesundheitsförderung in den letzten zwei Jahren.

Perspektiven der Arbeitsplatzsicherheit

Sorgen um die Sicherheit des eigenen Arbeitsplatzes treiben knapp 9 Prozent der unbefristet Beschäftigten um, aber 37 Prozent der befristet Beschäftigten. Solche Befürchtungen steigen zudem besonders nach Lebensalter bei Befristeten an, nur die Älteren ab 55 Jahren sind diesbezüglich etwas gelassener. Bei den unbefristet Beschäftigten überwiegt insgesamt das Gefühl der Arbeitsplatzsicherheit. Ausnahme sind Beschäftigte ohne Berufsabschluss, von denen sich 15 Prozent Sorgen machen, in nächster Zeit entlassen zu werden. In Hinblick auf die möglichen Probleme, nach einem Arbeitsplatzverlust eine neue Stelle zu finden, erwarten 58 Prozent kaum Schwierigkeiten, sich im Arbeitsmarkt zu behaupten und eine neue Stelle zu finden; 42 Prozent gingen hingegen von Schwierigkeiten aus.

Deutlich ausgeprägte Unterschiede gibt es nach Lebensalter. Zwei Drittel der Älteren hielte es für sehr schwierig, nochmals eine neue Stelle zu finden, bei den jungen Erwerbskohorten sind dies nur ein Viertel bis ein Drittel. Dass von den jungen Erwerbskohorten immerhin noch knapp 30 Prozent ebenfalls mit Schwierigkeiten rechnen, ist ein Hinweis auf die Enge des Arbeitsmarkts im Land Bremen.

Perspektiven der beruflichen Weiterbildung

Möglichkeiten für berufliche Weiterbildung können entscheidend zur beruflichen Weiterentwicklung und zur aussichtsreichen Positionierung am Arbeitsmarkt beitragen. Eine knappe Hälfte aller Befragten gibt an, im eigenen Betrieb grundsätzlich Weiterbildungsmöglichkeiten vorzufinden. Die Einschätzungen
dazu haben sich zwischen Männern und Frauen im Vergleich zur Erhebung 2017 etwas angeglichen. Beschäftigte mit Migrationshintergrund bewerten die Weiterbildungsmöglichkeiten mit 44 Prozent zurückhaltender als der Durchschnitt. Je höher das Einkommen oder das erreichte Ausbildungsniveau, desto besser werden auch die Weiterbildungsoptionen bewertet.

Die Möglichkeiten zur Weiterbildung hängen unmittelbar mit der Unterstützung durch den Arbeitgeber zusammen. Auch hier bietet sich ein gespaltenes Bild. Die eine Hälfte der Beschäftigten im Land Bremen bewertet sie als hoch oder sehr hoch, die andere Hälfte sieht sich in geringem oder sehr geringem Maß
unterstützt. Die Weiterbildungsunterstützung differiert unteranderem nach der Form des Beschäftigungsverhältnisses oder dem Alter deutlich. Beschäftigte im Normalarbeitsverhältnis, Vollzeitarbeitende und die jüngeren Jahrgänge erhalten deutlich stärkere Unterstützung vom Arbeitgeber für ihre Weiterbildung als andere Gruppen. Das gilt auch für Beschäftigte in größeren Unternehmen und in Betrieben, die mitbestimmt sind.

Die Einschätzungen zu den Möglichkeiten decken sich mit den tatsächlich absolvierten Weiterbildungen. Fast 60 Prozent der Beschäftigten nahmen in den vergangenen zwei Jahren an einer Weiterbildung teil. Davon entfielen allerdings beinahe die Hälfte (46 Prozent) auf sehr kurze Unterweisungen am Arbeitsplatz und maximal eintägige Weiterbildungen. 40 Prozent nahmen an mehrtägigen Bildungsveranstaltungen teil. Nur eine sehr kleine Gruppe gab an, an einer längeren Weiterbildung mit Abschluss (10,4 Prozent) oder einem berufsbegleitenden Studium teilgenommen zu haben (2,7 Prozent).

Unterschiede beim Zugang zur Weiterbildung zeigten sich auch hier nach Personengruppen, Ausbildungsniveau, Verdiensten und Betriebsgrößen. Beschäftigte mit ausländischen Abschluss
(42 Prozent) oder ohne beruflichen Abschluss (48 Prozent) haben mit Abstand die niedrigsten Weiterbildungsquoten. Auch Beschäftigte mit einer betrieblichen Berufsausbildung profitieren weniger von absolvierten Weiterbildungen als Beschäftigte mit höheren Abschlüssen. Die Weiterbildungsteilnahme von Beschäftigten mit Migrationshintergrund liegt mit 52 Prozent um 10 Punkte niedriger als bei Beschäftigten ohne Migrationshintergrund.

An der Übernahme der Weiterbildungskosten waren die Arbeitgeber häufig mitbeteiligt (87 Prozent). Arbeitgeber bezahlten insbesondere die Weiterbildungen von langjährig Beschäftigten (95 Prozent) sowie von unbefristeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Arbeitgeber übernehmen auch eher die Kosten bei Beschäftigen mit höherem Einkommen.

Die Beschäftigen wurden auch danach gefragt, inwiefern sich die absolvierte wichtigste Weiterbildung für sie auszahlt oder gelohnt hat. Drei Viertel der Befragten führten eine erhöhte persönliche Zufriedenheit als Effekt der Weiterbildung an. Sehr viel seltener, aber die zweithäufigste Nennung bildet das Erreichen einer höheren beruflichen Position (14 Prozent). Danach folgen ein höheres
Gehalt (10 Prozent) sowie das Nachholen eines beruflichen Abschlusses (7 Prozent). Ebenfalls 7 Prozent nannten neue berufliche Möglichkeiten als einen Weiterbildungseffekt.

Darüber hinaus wurden auch diejenigen Beschäftigten zum Thema Weiterbildung befragt, die keine Schulung, Fortbildung oder Ähnliches in den letzten 24 Monaten erhalten haben. Mit Blick auf die Gründe, die aus Sicht dieser Befragten gegen eine berufliche Weiterbildung sprechen, gaben rund zwei Drittel an, dass ihre Qualifikationen aktuell ausreichen und sie deshalb keine Weiterbildung benötigten. Rund 61 Prozent der Befragten meinen, dass sie durch eine Weiterbildung kein oder nur wenig mehr Geld verdienen würden. Für etwas mehr als die Hälfte der Beschäftigten ohne Weiterbildung stellt die zeitliche Beanspruchung durch ihre Arbeitstätigkeit eine Hürde für Weiterbildungen dar. Diese Beschäftigten sehen sich so eingespannt in ihren Job, dass für sie aktuell keine Weiterbildung in Frage kommt.

An alle Beschäftigten wurden auch Fragen dazu gestellt, welche Rahmenbedingungen ihr Weiterbildungsinteresse steigern könnten. Für rund 80 Prozent der Befragten könnten Weiterbildungen attraktiver werden, wenn sie dafür eine Freistellung erhielten. Rund drei Viertel könnten sich eine Weiterbildung vorstellen, wenn sie dadurch keine oder nur geringe Lohneinbußen hätten. Bei 72 Prozent könnte zudem das Interesse steigen, wenn es einen gesetzlichen Anspruch auf Weiterbildung gäbe.

Abschließend wurde die Nutzung der Bremer „Bildungszeit“ erhoben. Im Land Bremen definiert ein Landesgesetz einen Rechtsanspruch auf Weiterbildung im Umfang von zehn Tagen innerhalb eines Zweijahreszeitraums. In den letzten zwei Jahren haben jedoch nur 13 Prozent der Bremer Beschäftigten die „Bildungszeit“ genutzt. Von den Beschäftigten, die Bildungszeit bisher nicht genutzt
haben, wusste ein Viertel (26 Prozent) um den Anspruch auf Bildungszeit bis zum Befragungszeitpunkt noch nichts, das entspricht etwa 22 Prozent aller bremischen Beschäftigten insgesamt. Zwischen Rechtsanspruch und Inanspruchnahme zeigt sich also aktuell noch eine deutliche Lücke.

Die Nutzung der Bildungszeit unterscheidet sich dabei stark nach beruflichem Ausbildungsabschluss. Beschäftigte mit Meister- oder Technikerabschluss nutzen das Angebot mit Abstand am häufigsten (24 Prozent), gefolgt von den Beschäftigten mit akademischen Abschlüssen (16-17 Prozent). Mit lediglich 3 Prozent sind dagegen Beschäftigte ohne Berufsabschluss bei der Nutzung der Bildungszeit kaum vertreten. Auch Beschäftigte mit betrieblicher Ausbildung bleiben unterrepräsentiert (10 Prozent). Überdurchschnittlich häufig ist die Inanspruchnahme bei Beschäftigten der öffentlichen Verwaltung und aus Erziehung und Wissenschaft (24-25 Prozent), gefolgt vom Krankenhaussektor (20 Prozent) und dem Gastgewerbe (18 Prozent).

Die Beschäftigten wurden auch nach den Gründen der Nicht-Inanspruchnahme der Bildungszeit befragt. Etwas mehr als die Hälfte gibt an, bisher kein passendes Angebot gefunden zu haben. 41 Prozent gehen davon aus, dass Bildungszeit aktuell in ihrem Betrieb noch nicht oder wenig akzeptiert wird und 22 Prozent haben generell kein Interesse an Bildungszeit.

Zusammenfassend ergibt sich der Eindruck, dass im Feld der beruflichen Weiterbildung im Land Bremen noch einiges zu tun bleibt. Vor allem benachteiligte Personengruppen am Arbeitsmarkt wie An- und Ungelernte oder atypisch Beschäftigte benötigen bessere Zugangschancen, um eine höhere Weiterbildungsbeteiligung sicherzustellen. Da ein größerer Teil der absolvierten Weiterbildungen auf arbeitsplatzbezogene, produktivitätssteigernde Weiterbildungen entfällt, ist auch zu fragen, ob die berufliche Weiterentwicklung der Beschäftigten gegenwärtig eine zu geringe oder gar nachrangige Rolle spielt. Nicht zuletzt sind es die institutionellen Rahmenbedingungen, die Weiterbildung gerade der beim Zugang benachteiligten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unterstützen würden. Und auch die Betriebe sind gefragt, ihre Personalpolitik an sich verändernde Rahmenbedingungen sachgerecht anzupassen. Die Studie „Koordinaten der Arbeit 2019“ verweist hier auf klare Entwicklungsbedarfe.

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Regine Geraedts
Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik

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    Befragung von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer 2019

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