Pressemitteilung

26.08.2020

Immer weniger Betriebe zahlen nach Tarif

Kammer legt neue Studie zur Tarifbindung im Land Bremen vor. Beim Anteil tarifgebundener Betriebe liegt Bremen auf dem vorletzten Platz im Ländervergleich

In keinem anderen Bundesland ist der Anteil tarifgebundener Betriebe so stark gesunken wie im Land Bremen. Zwischen 2008 und 2018 ist er von 39 auf nur noch 17 Prozent zurückgegangen und hat sich damit innerhalb von nur zehn Jahren mehr als halbiert. „Tarifverträge sind eine wesentliche Grundlage der sozialen Marktwirtschaft“, betont Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen, heute (Mittwoch) bei der Vorstellung einer aktuellen Studie zur Tarifbindung. „Sie sichern eine angemessene Teilhabe der Beschäftigten an der wirtschaftlichen Entwicklung und stärken damit den sozialen Zusammenhalt. Die Anwendung von Tarifverträgen ist deshalb politisch zu fördern.“ Derzeit sind nur in Sachsen noch weniger Unternehmen tarifgebunden als in Bremen, bundesweit sind es durchschnittlich 27 Prozent.

Trotz der geringen Tarifbindung bei den Bremer Betrieben insgesamt arbeiten noch verhältnismäßig viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Unternehmen, die einen Tarif anwenden: In den 17 Prozent der Betriebe, die noch einen Tarifvertrag abgeschlossen haben, arbeiten 55 Prozent aller Bremer Beschäftigten. Damit liegt Bremen bundesweit im Mittelfeld. „Das zeigt, welche wichtige Rolle der industrielle Sektor in Bremen spielt. Außerdem sind hier viele Großunternehmen ansässig und der öffentliche Dienst hat eine starke Bedeutung“, weiß Professor Thorsten Schulten vom  Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung. Dies seien Strukturmerkmale, die eine hohe Tarifbindung begünstigen. „Daher  müsste die Tarifbindung in Bremen eigentlich noch deutlicher über dem westdeutschen Durchschnitt liegen“, sagt Professor Schulten.

Im Gesundheits- und Sozialwesen und im Einzelhandel hingegen ist laut Studie die Tarifbindung besonders gering. Hier profitiert nicht einmal jeder dritte Beschäftigte von tarifvertraglichen Regelungen.

Erosion der Tarifbindung

Grund ist unter anderem der ökonomische Strukturwandel, bei dem traditionelle und eher tarifgebundene Unternehmen durch neue Unternehmen ohne Tarifbindung ersetzt wurden. Vor allem bei kleinen und mittleren Unternehmen ist die Erosion der Tarifbindung in Bremen schon weit vorangeschritten. Und bei neu gegründeten Betrieben ist die Akzeptanz des Tarifvertragssystems nur sehr gering ausgeprägt.

Zudem hat die Einführung sogenannter OT-Mitgliedschaften, also Mitgliedschaften ohne Tarifvertrag, der Arbeitgeberverbände dazu beigetragen, dass die Tarifbindung rückläufig ist. Um dem Mitgliederschwund zu begegnen, haben die Arbeitgeberverbände hiermit den Unternehmen die Möglichkeit eröffnet, den Verbänden beizutreten ohne zwangsläufig einen Tarifvertrag anwenden zu müssen.

Tarifverträge als Schutzschild für Beschäftigte

„Tarifverträge schaffen verlässliche und transparente Arbeitsbedingungen und sind  wichtige Schutzschilde für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer“, sagt Ingo Schierenbeck. Dies habe nicht zuletzt die Corona-Krise gezeigt. „So sind Beschäftigte in tarifgebundenen Betrieben bei der Kurzarbeit oft besser abgesichert, da hier häufig Aufstockungen des Kurzarbeitergeldes vereinbart worden sind“, so Schierenbeck.

Der Wert von Tarifverträgen macht sich aber auch auf dem monatlichen Gehaltszettel bemerkbar: 2018 verdiente ein Vollzeitbeschäftigter im Land Bremen rund zehn Prozent mehr als Beschäftigte in nicht tarifgebundenen Betrieben. Und auch auf die wöchentliche Arbeitszeit wirken sich Tarifverträge positiv aus: Tarifgebundene Beschäftigte arbeiten pro Woche rund eine Stunde weniger als ihre Kolleginnen und Kollegen in nicht-tarifgebundenen Unternehmen.

Weniger Tarif – mehr Lohnungleichheit

Vor diesem Hintergrund ist es wenig überraschend, dass die sinkende Tarifbindung als eine der wichtigsten Ursachen für die wachsende Lohnungleichheit in Deutschland identifiziert wurde. Dies untermauert eine Auswertung der Beschäftigtenbefragung „Koordinaten der Arbeit im Land Bremen“, die die Arbeitnehmerkammer Bremen alle zwei Jahre durchführt: So liegt die Tarifbindung bei Beschäftigten mit einem monatlichen Nettoeinkommen bis 1.000 Euro nur bei 44 Prozent. Erst ab einem Nettoeinkommen von 1.500 Euro steigt die Tarifbindung weiter an und ist dann zwischen 3.000 und 5.000 Euro mit etwa 70 Prozent am höchsten.
„Die rückläufige Tarifbindung hat zu der paradoxen Situation geführt, dass Beschäftigte in Niedriglohnsektoren, die den Schutz eines Tarifvertrages am nötigsten hätten, heute am wenigsten vom Tarifvertragssystem profitieren“, sagt Schulten.

In Branchen wie dem Einzelhandel – mit zersplitterter Betriebsstruktur und geringem Lohnniveau – nimmt die Tarifbindung kontinuierlich ab. Dass es auch anders geht, hat das Gastgewerbe gezeigt: Hier ist es im Land Bremen gelungen, den Entgelttarifvertrag auf alle Beschäftigten anzuwenden. „Tarifverträge müssen leichter für allgemeinverbindlich erklärt werden können. Hier ist der Bund gefordert. Wir unterstützen daher das Vorhaben des Senats, über eine Bundesratsinitiative Verbesserungen zu erzielen“, so Schierenbeck.

Landespolitik in der Pflicht

Insgesamt sollte die Landespolitik ihre Möglichkeiten zur Tarifstärkung ausschöpfen. „Das Tariftreue- und Vergabegesetz muss so aufgestellt werden, dass nur noch tarifgebundene Unternehmen öffentliche Aufträge erhalten können“, fordert Schierenbeck. Sonst bestehe die Gefahr, dass insbesondere bei arbeitsintensiven Dienstleistungen der Wettbewerb um öffentliche Aufträge auf Kosten der Beschäftigten ausgetragen wird. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom WSI und iaw schlagen außerdem vor, auch die Mittelvergabe in der Wirtschaftsförderung davon abhängig zu machen, ob das antragstellende Unternehmen einen Tarifvertrag anwendet.

Darüber hinaus müssen die Tarifvertragsparteien gestärkt werden. Professor Thorsten Schulten: „So muss es auf der einen Seite den Gewerkschaften gelingen, wieder mehr Mitglieder zu gewinnen. Auf der anderen Seite sind die Arbeitgeberverbände gefordert, stärker für den Wert von Tarifverträgen einzustehen und die OT-Mitgliedschaften zu beenden.“

Für die Studie haben das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, das Institut Arbeit und Wirtschaft (iaw) und die Arbeitnehmerkammer die neusten verfügbaren Daten des IAB-Betriebspanels ausgewertet und um Zahlen der Beschäftigtenbefragung „Koordinaten der Arbeit“ der Kammer ergänzt. Außerdem wurden Gespräche mit Gewerkschaften und Betriebsräten geführt.

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  • Tarifverträge und Tarifflucht im Land Bremen

    Eine Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung (WSI) und des Instituts Arbeit und Wirtschaft (IAW) der Universität Bremen in Zusammenarbeit mit der Arbeitnehmerkammer Bremen

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