Neue Ideen für grünes Wirtschaften

– So begegnen Bremens Betriebe dem Klimawandel

Auch das industriell geprägte Bundesland Bremen steht durch den Klimawandel vor großen Herausforderungen. Zugleich bietet der grüne Wandel aber auch vielfältige Möglichkeiten, den Wirtschaftsstandort fit für die Zukunft zu machen.

Text: Anne-Kathrin Wehrmann | Foto: Jonas Ginter

Angefangen hat alles vor gut zehn Jahren mit einer Idee: Der Energieverbrauch im Haus müsste sich doch erkennbar senken lassen, wenn die Klimaanlage ausgeschaltet bleibt, bis der Gast tatsächlich sein Zimmer betritt. Seither ist eine ganze Menge passiert. Neben der kontinuierlichen Reduzierung von Energie- und Materialverbräuchen sowie anfallenden Lebensmittelabfällen setzt das Atlantic Hotel Sail City in Bremerhaven unter anderem auf Ökostrom, energiesparende Küchengeräte, regionale Produkte, Bienenvölker auf dem Hoteldach und ein von Beschäftigten gebildetes Green-Team zur Entwicklung weiterer Ideen.

Das sind nur einige von vielen unterschiedlichen Maßnahmen, mit denen sich der
Hoteldirektor und sein Team für Klimaschutz und Nachhaltigkeit einsetzen. „Wir haben früh entschieden, hier das grüne Segel zu setzen“, sagt Hoteldirektor Tim Oberdieck. „Das hat sich in jeder Hinsicht gelohnt.“

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LESE-EMPFEHLUNG:  Kommentar von Tim Voss : Co2-Minderung als Jobmotor

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Zum einen seien die globalen Klimaschutzziele nur dann zu erreichen, wenn sich Akteure auf allen Ebenen dafür einsetzen. Und zum anderen zahle sich dieser Einsatz für das Hotel ganz konkret auch betriebswirtschaftlich aus.

Das Vier-Sterne-Hotel am Weserdeich wurde für seine Bemühungen vor zwei Jahren mit dem Bremer Klimaschutz-Preis ausgezeichnet und gilt als Musterbeispiel dafür, wie sich ökologische und ökonomische Ziele gewinnbringend miteinander verbinden lassen. Nicht erst mit dem Pariser Klimaabkommen von 2016 ist deutlich geworden, dass der Ausstoß von Treibhausgasen im Großen wie im Kleinen reduziert werden muss, wenn die Erderwärmung keine unkontrollierbaren Ausmaße annehmen soll.

Auch Bremen als traditionelles Industrieland steht dadurch vor großen Herausforderungen in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. „Wir haben hier auf sehr kleiner Fläche einen bemerkenswerten Mix an Industrie vereint“, erläutert Tim Voss, Referent für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer, und benennt beispielhaft die Stahl-, Auto- und Lebensmittelindustrien sowie die Luft- und Raumfahrtbranche. „Diese Bereiche wollen wir nicht aufgeben, sondern wir müssen sie ökologisch umgestalten, um sie zukunftsfähig zu machen.“ Andernfalls bestehe die Gefahr, dass dem Standort auch in nachgelagerten Bereichen viele Arbeitsplätze verloren gingen.

Zukunftsfähige Arbeitsplätze

Als Impuls für eine sozialverträgliche Gestaltung der ökologischen Wende im Land Bremen hat die Arbeitnehmerkammer kürzlich ein Positionspapier zu diesem Thema veröffentlicht. Es beleuchtet unterschiedliche Wirtschafts- und Lebensbereiche und zeigt Handlungsmöglichkeiten auf – zum Beispiel bei der nachhaltigen Aufstellung von Häfen und Logistik, der Gewinnung und Anwendung von grünem Wasserstoff als nachhaltiger Energiequelle oder der Offshore-Windenergie als Säule für die Energiewende.

Auch wenn Bremerhaven als Produktionsstandort hier in den vergangenen Jahren zahlreiche Arbeitsplätze verloren hat: „In der Forschung und Entwicklung und auch beim Recycling der Offshore-Anlagen bieten sich künftig viele neue Beschäftigungspotenziale“, macht Voss deutlich.

Insgesamt ist ihm die Feststellung wichtig, dass die häufig diskutierte Frage „Klimaschutz oder Arbeitsplätze?“ der falsche Ansatz sei. „Von dieser Denke müssen wir uns verabschieden, beides lässt sich miteinander vereinbaren“, betont er und verweist auf eine aktuelle Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung mit dem Titel „Jobwende – Effekte der Energiewende auf Arbeit und Beschäftigung“.

Klimaschutz sei insgesamt mit positiven wirtschaftlichen Effekten verbunden, heißt es da: „Aufgrund der Energiewende entstehen in vielen Bereichen neue Arbeitsplätze.“ Bei entsprechender politischer  Flankierung könne das den Verlust von Jobs in anderen Wirtschaftsbereichen mehr als ausgleichen.

Die Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze – das ist auch eines der Kernanliegen der Bremerhavener Wirtschaftsförderung BIS. Gelingen soll das unter anderem mit einem Projekt, das in dieser Form und Größe derzeit bundesweit einmalig ist: Im Süden der Stadt soll in fünf Bauabschnitten auf insgesamt 150 Hektar das nachhaltige Gewerbegebiet Lune Delta entstehen.

„Klimaschutz oder Arbeitsplätze? Von dieser Denke müssen wir uns verabschieden.“
Tim Voss, Arbeitnehmerkammer Bremen

BIS-Geschäftsführer Nils Schnorrenberger geht davon aus, dass dort in etwa vier Jahren die ersten Unternehmen aus dem Bereich der nachhaltigen Wirtschaft einziehen könnten. „Je nach Größe werden wir Platz für 50 bis 100 Betriebe haben“, meint er. „Wir wollen sowohl jungen als auch etablierten, kleinen wie großen Unternehmen der Green Economy einen Heimathafen bieten.“

Schon im Bebauungsplan sollen zudem verschiedene grüne Komponenten, wie eine Versorgung aus erneuerbaren Energien oder die extensive Begrünung der Gebäudedächer, festgeschrieben werden. In Zusammenarbeit mit Bremerhavener Forschungspartnern ist darüber hinaus ein Kompetenzzentrum Wasserstoff geplant. „Wir stellen schon jetzt ein bundesweites Interesse an dem Projekt fest“, berichtet Schnorrenberger. „Umweltschutz ist langfristig ein wichtiges Thema. Wir denken darum, dass
hier nachhaltige Arbeitsplätze entstehen werden.“

Bildungsoffensive als Grundstein

Für ein umfassendes Bild, welche Chancen sich der Seestadt durch den ökologischen Wandel bieten, finanziert die Arbeitnehmerkammer derzeit ein Forschungsprojekt des Instituts Arbeit und Wirtschaft (iaw) der Universität Bremen, dessen Ergebnisse Mitte kommenden Jahres vorliegen sollen. Der Titel: „Green Economy – eine Perspektive für die Wirtschafts-, Beschäftigungs- und Stadtentwicklung in Bremerhaven?“

Und auch in Bremen finden sich gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gestaltung der  ökologischen Wende. „Wir haben hier viel Know-how, qualifizierte Fachkräfte und vergleichsweise immer noch gute finanzielle Ressourcen“, macht Wirtschaftspolitikreferent Tim Voss deutlich. „Wer,  wenn nicht wir, ist in der Lage, diesen Wirtschaftsstandort umzubauen?“ Ein wichtiger Grundstein zum Gelingen sei allerdings eine zielgerichtete Bildungsoffensive: „Wir brauchen umfangreiche Maßnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung ebenso wie eine Erweiterung von passenden Studienangeboten, sonst wird es schwierig.“

Die Verkehrswende einleiten und das Gründungsgeschehen lebendig gestalten, um innovative grüne Produkte auf den Markt zu bringen und dabei zugleich die Abhängigkeit von traditionellen Bestandsindustrien zu verringern: Das sind zwei weitere Punkte aus dem oben erwähnten Kammer-Positionspapier. Für beide steht beispielhaft das 2017 gegründete Bremer Start-up Rytle, das sich nicht weniger als eine Revolution der City-Logistik zum Ziel gesetzt hat.

Herzstück des Konzepts ist ein E-Lastenrad, das mit einer fertig kommissionierten Wechselbox beladen wird und dessen Fahrer die  benötigten Informationen über eine eigens entwickelte Software via Smartphone erhält. Leere Boxen lassen sich in mobilen Depots schnell und unkompliziert gegen volle austauschen. „Für Logistiker und Kuriere stellt die Urbanisierung der Städte eine wachsende  Herausforderung dar“, erläutert Mitgründer und Und auch in Bremen finden sich gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Gestaltung der ökologischen Wende.

„Wer, wenn nicht wir, ist in der Lage, diesen Wirtschaftsstandort umzubauen?“
Tim Voss, Arbeitnehmerkammer Bremen

„Wir haben hier viel Know-how, qualifizierte Fachkräfte und vergleichsweise immer noch gute finanzielle Ressourcen“, macht Wirtschaftspolitikreferent Tim Voss deutlich. „Wer, wenn nicht wir, ist in der Lage, diesen Wirtschaftsstandort umzubauen?“ Ein wichtiger Grundstein zum Gelingen sei allerdings eine zielgerichtete Bildungsoffensive.

„Wir brauchen umfangreiche Maßnahmen im Bereich der Aus- und Weiterbildung", sagt Geschäftsführer „Der Zugang zum Kunden wird schwieriger, die Anzahl der Lieferungen nimmt rapide zu, die Komplexität der Innenstadtlogistik ebenso.“ Die Praxis habe gezeigt, dass sich Standardpakete mit dem Rytle-System  bis zu 50 Prozent schneller ausliefern ließen als bei der klassischen Zustellung mit Lieferwagen. Und das Konzept kommt an: Mittlerweile sind schon mehr als 1.000 Rytle-Fahrzeuge in weltweit gut 50 Städten – unter anderem in Europa und den USA – auf der Straße. „Praktisch alle großen Paketdienstleister der Welt sind entweder schon im Boot oder im Gespräch mit uns“, berichtet Kruse.

Rund 60 Arbeitsplätze sind nach seiner Aussage an den unterschiedlichen Standorten schon entstanden. Weitere sollen folgen.

Grüner Wasserstoff für die Industrie

Innovative Ideen wie diese wird es auch weiterhin brauchen, wenn die ökologische Wende gelingen soll. Auch den traditionellen Industriezweigen kommt beim grünen Umbau des Wirtschaftsstandorts allerdings eine entscheidende Bedeutung zu. Eine wichtige Rolle könnte hierbei die Wandlung von
Windenergie in Wasserstoff spielen, um sie anschließend bedarfsgerecht nutzen und energieintensive Industrien versorgen zu können.

Die Universität Bremen hat hierzu gerade mit mehreren Industriepartnern ein Forschungsprojekt mit dem Titel H2B zur „graduellen Defossilisierung der Stahlindustrie und urbaner Infrastrukturen“ gestartet.

„Schlüsselstelle wird ein Elektrolyseur, der auf dem Gelände von ArcelorMittal grünen Wasserstoff für Industrieund Verkehrsanwendungen herstellt“, erläutert H2B-Projektleiter Christian Schnülle vom Fachgebiet Resiliente Energiesysteme der Uni.

Das Bremer Stahlwerk sei der größte CO2-Verursacher Bremens und stoße derzeit so viel Kohlendioxyd aus wie der gesamte Rest der Stadt. „Wir müssen die Stahlwerke in Deutschland grün bekommen“, macht Torben Stührmann, Teamleiter des Fachgebiets, deutlich. „Ohne eine ökologische Wende werden die Arbeitsplätze nicht zu halten sein.“ In einem weiteren Schritt geht es darum, mit dem Industriehafen als „Transformationsplattform“ weitere  Potenziale der Wasserstoffnutzung aufzuzeigen
zum Beispiel als Baustein einer europäischen Wasserstoffinfrastruktur oder als Motor für eine Mobilitätswende im Güterverkehr.

„Ohne eine ökologische Wende werden die Arbeitsplätze nicht zu halten sein.“
Torben Stührmann, Universität Bremen

Der Aufbau der Technologie sei zwar anfangs mit hohen Kosten verbunden, räumt Stührmann ein. „Aber für die kommenden 50 Jahre ist das von essenzieller Bedeutung, weil wir damit ein Umfeld schaffen, in dem sich die industriellen Strukturen überhaupt erst erhalten lassen.“

Unterdessen hat sich das Atlantic Hotel Sail City mit seinem innovativen Ansatz schon weit über Bremerhaven hinaus einen Namen gemacht. Hoteldirektor Tim Oberdieck erhält nicht nur regelmäßig überregionale Einladungen, um von den erreichten Erfolgen zu berichten und empfängt  Wirtschaftsvertreter sowie Studierende zur „grünen Hausführung“. Er findet auch leichter als andere Unternehmen qualifiziertes und motiviertes Personal.

„Nachhaltigkeit ist definitiv ein Thema, mit dem junge Leute sich auseinandersetzen“, sagt er. „Wir stellen in Vorstellungsgesprächen immer wieder fest, dass sich viele ganz gezielt bei uns bewerben, weil sie hier mitwirken und eigene Ideen  einbringen können.“ Klimaschutz gegen den Fachkräftemangel – ein weiteres Argument, das künftig  noch so manchen Betrieb vom ökologischen Wandel überzeugen könnte.

Klima-Planspiel zeigt: Es gibt keine einfachen Lösungen AKB003_IconInfo

Wie lässt sich der Klimawandel sozial und gerecht gestalten? Wie können wegfallende Arbeitsplätze, etwa in der Industrie, ersetzt werden? Mit diesen Fragen haben sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Planspiels „Just Transition“ auseinandergesetzt, das die Arbeitnehmerkammer zusammen mit der  wisoak und dem Kulturzentrum Schlachthof organisiert hat.

Deutlich wurde: Einfache und schnelle  Lösungen gibt es nicht. Die ökologische Wende kann nur gelingen, wenn sie von möglichst vielen  Akteuren getragen und im Dialog gestaltet wird. Während des Planspiels hatten die Teilnehmer  unterschiedliche Perspektiven eingenommen und Verhandlungen simuliert: zwischen verschiedenen staatlichen (Bundes- und Regionalregierungen) und nicht-staatlichen Akteuren - etwa Gewerkschaften, Energieerzeugern oder Verbänden der Automobil- und Landwirtschaft. Dabei mussten sie einerseits klimapolitische Vorgaben einhalten und andererseits Effekte etwa für den Arbeitsmarkt im Auge behalten.

„Die Diskussionen haben gezeigt, wie schwierig es ist, verschiedene Interessen zu einem so komplexen Thema zusammenzubringen. Denn: Jede Änderung in einem Bereich hat Auswirkungen auf einen anderen, deshalb ist der Diskurs hier so wichtig“, betont Tim Voss, der das Planspiel für die Arbeitnehmerkammer begleitet hat.

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