Der verlorene Jahrgang - Ausbildungssuche in der Pandemie

Wer sich jetzt bewirbt, hat es schwer. Über den schrumpfenden Ausbildungsmarkt.

Wer sich aktuell bewirbt, hat es schwer. Die Corona-Krise hat nicht nur für Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit gesorgt – sie hat auch den Ausbildungsmarkt schrumpfen lassen.

Text: Meike Lorenzen | Fotos: Kay Michalak

16 Prozent weniger Ausbildungsplätze als im Vorjahresmonat standen im Juni bei der Berufsberatung der Agentur für Arbeit im Land Bremen zur Vermittlung an. „Für Bremen ist das dramatisch. Das Land stand  bei der Zahl der Ausbildungsplätze schon vor Corona nicht gut da“, sagt Regine Geraedts, Referentin für Arbeitmarktpolitik der Arbeitnehmerkammer Bremen. Nach dem Einbruch durch die Finanzkrise 2008/2009 seien im Stadtstaat etwa 700 Ausbildungsplätze verloren gegangen. Auch als die Konjunktur auf  Hochtouren lief, die Auftragsbücher voll waren und immer mehr Fachkräfte gebraucht wurden, habe sich  der Ausbildungsmarkt nicht erholt. Das Ausbildungsengagement der Betriebe hatte im vergangenen Jahr einen vorläufigen Tiefpunkt erreicht.

Nicht einmal jeder vierte Betrieb bildete noch aus. Und jetzt auch noch Corona. „Als viele Jugendliche mit ihrem Halbjahreszeugnis in der Hand losziehen wollten, um sich zu bewerben, gingen im Land Bremen viele Betriebe in Kurzarbeit“, so Geraedts. Die Ausbildung von Fachkräftenachwuchs rückte erst einmal weit in den Hintergrund.

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Für den Übergang in Ausbildung braucht es die Schulen In dieser chaotischen Gemengelage suchen  junge Männer und Frauen einen Ausbildungsplatz. Unterstützung finden sie unter anderem bei der  Jugendberufsagentur. In Bremerhaven arbeitet dort Swantje Hüsken. „Wir standen mit Corona vor der großen Herausforderung, wie wir die Jugendlichen überhaupt erreichen können“, sagt Hüsken. Die  Pandemie hat offenbart, wie stark das System der Ausbildungsvermittlung an der Zusammenarbeit mit den Schulen hängt. Und die waren geschlossen – ebenso viele Betriebe.

„Sorgsam gesponnene Netze der vergangenen Jahre müssen wir gerade auf ganz neue Füße stellen“, so Hüsken. Denn Beratung und Begleitung im Übergang von der Schule in Ausbildung ist für die  Jugendlichen enorm wichtig. Und das nicht nur, um in die Berufswelt einzusteigen und eigenes Geld zu verdienen. Hüsken: „Etliche Jugendliche sind noch schulpflichtig und müssen nach dem Schulabschluss irgendwie untergebracht werden, wenn sie keine Ausbildungsstelle finden.“

Schulpflichtig ist, wer das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet und keine zehn Schuljahre sowie zwei  berufsbildende Jahre absolviert hat. „Besonders besorgt sind wir mit Blick auf die Jugendlichen, die schon in Übergangssystemen sind.“ Sie bräuchten im Sommer dringend einen Ausbildungsplatz, sonst  fielen sie aus dem Raster und fänden oftmals keinen Zugang mehr zu der Vermittlungsunterstützung, die sie dringend bräuchten.

Für viele sozial benachteiligte Jugendliche sei das nicht selten der erste Schritt in die Arbeitslosigkeit.

Ausbildung bleibt wichtig

Anders als in der Finanzkrise vor zwölf Jahren sind akut alle Branchen  gleichzeitig betroffen. „In Bremen gibt es gut 16.000 Betriebe, seit März haben gut 7.000 von ihnen Kurzarbeit angemeldet“, weiß Regine Geraedts. Insgesamt sei noch nicht absehbar, wie sich die einzelnen Branchen langfristig  entwickeln werden.

Diese Unsicherheit betrifft jedes einzelne Unternehmen und begrenzt den Planungshorizont. Geraedts: „Das wirkt sich verständlicherweise auf die Bereitschaft aus, Verantwortung für Auszubildende zu übernehmen.“ Sie erwartet einen beschleunigten Strukturwandel der Wirtschaft. Aber eines sei klar: „Der Bedarf an Fachkräften wird nicht weniger, er wird nur anders. Investitionen in Ausbildung bleiben deshalb enorm wichtig, auch jetzt.“

Frische Ideen aus Bremerhaven

Eins zeichnet sich jetzt schon ab: Die Krise am Ausbildungsmarkt ist kein Phänomen 2020. 2021 strömt aufgrund der Wiedereinführung der 13-jährigen Gymnasialzeit in Niedersachsen ein doppelter Abiturjahrgang auf den Arbeitsmarkt. Das wird auch Bremen spüren und die Not für Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz suchen, noch größer werden.

"Investitionen in Ausbildung bleiben enorm wichtig, auch jetzt."
Regine Geraedts, Arbeitnehmerkammer Bremen

Swantje Hüsken gehört zu denen, die kämpfen. „Seit dem Verlust an persönlichen Kontakten, laufen hier die Telefone heiß“, sagt sie. „Wir haben natürlich eine Online-Beratung bei der Jugendberufsagentur angeboten. Aber das ersetzt keinen persönlichen Kontakt.“ Für sie und ihre Kolleginnen heißt das: kreativ werden.

Am 1. Juli schaltete die Jugendberufsagentur in Bremerhaven eine Hotline. Jugendliche konnten anrufen und sich dann nach und nach mit rund 30 Ausbildungsbetrieben verbinden lassen. Im Herbst ist eine  Art Ausbildungssuche im Park geplant. „An der frischen Luft, verbunden mit einem Spaziergang und  ungezwungenen Gesprächen – so stellen wir uns das vor“, sagt Hüsken. Sie ist sich sicher, dass die  eine oder andere aus der Not entstandene Idee auch künftig angeboten wird.

"Besonders besorgt sind wir mit Blick auf die Jugendlichen, die schon in Übergangssystemen sind."
Swantje Hüsekn, Jugendberufsagentur Bremerhaven

So langsam kommt in Bremerhaven wieder Bewegung in das Thema Ausbildung. „Die Schulen haben  sich untereinander gut vernetzt, Schulpraktika finden inzwischen wieder statt und die weiterführenden Schulen haben sich darauf eingestellt, dass notwendige Praktikumsnachweise auch nachträglich noch von den jungen Menschen eingereicht werden“, so Hüsken.

Es braucht einen Ausbildungsfonds

Alle Unterstützung nützt nichts, wenn das Ausbildungsangebot zu niedrig ist. Gemeinsam mit dem DGB  hat die Arbeitnehmerkammer daher einen auf zwei Jahre befristeten Zukunftsfonds für Ausbildung im  Land Bremen gefordert. „Den akuten Engpass könnten wir beheben, indem der Staat interveniert“, so Geraedts. Vorübergehend könnten mehr außerbetriebliche Ausbildungsplätze geschaffen werden, auch die schulischen Ausbildungen im Bereich Gesundheit, Pflege und Erziehung könnten aufgestockt werden. Hier gebe es schließlich schon jetzt einen großen Bedarf an Personal.

„Unterm Strich bleibt Ausbildung aber Aufgabe der Betriebe“, sagt Geraedts. Auf Dauer sei deshalb ein Ausbildungsfonds eine vernünftige Lösung, wie er im Koalitionsvertrag angedacht ist. „Die Verantwortung für die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses solidarisch auf alle Schultern in der Wirtschaft zu verteilen, ist ein überzeugender Vorschlag“, meint die Arbeitsmarktexpertin. Dann wäre die Ausbildung des Fachkräftenachwuchses nicht länger vom Engagement einzelner Unternehmen abhängig.

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