„Vier-Tage-Woche löst nicht alle Probleme“

Die IG Metall hat kürzlich eine Vier-Tage-Woche zur Sicherung von Arbeitsplätzen ins Gespräch gebracht, die Linkspartei fordert im Rahmen der Digitalisierung eine 30-Stunden-Woche als Vollzeitnorm. Für wen wäre das gut und für wen eher nicht? Ein Interview mit Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer.

Text: Anne-Katrin Wehrmann | Foto: Stefan Schmidbauer

BAM: Frau Heyduck, wie ist die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche zu bewerten?

Elke Heyduck: Das kommt darauf an, von welcher Branche wir sprechen. Wir müssen immer spezifisch schauen: Wer ist wie durch die aktuelle Krise oder durch andere Ereignisse betroffen? Wo ist die ökonomische Situation so gut, dass man die Vier-Tage-Woche auch mit Lohnausgleich fordern kann? Und wo ist das nicht der Fall? Es lässt sich jedenfalls nicht generell sagen, dass die Vier-Tage-Woche alle Arbeitszeitprobleme löst, die wir haben.

Lässt sich trotzdem generell sagen, was grundsätzlich dafür spricht und was dagegen?

Abstrakt spricht aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer überhaupt nichts dagegen, bei vollem Lohnausgleich weniger zu arbeiten – so weit, so klar. In der Metallbranche haben wir ja schon eine 35-Stunden-Woche und damit letztlich eine Arbeitszeitverkürzung. Der Hintergrund der Debatte –  zumindest so, wie die Linke sie aufgegriffen hat – ist die so genannte Digitalisierungsdividende: Das heißt, Beschäftigte müssen von der höheren Produktivität profitieren. Denkbar ist eine solche „Erfolgsbeteiligung“ über einen höheren Verdienst oder über geringere Arbeitszeiten, und das ist absolut richtig. Jetzt muss man aber sehen: Was geht in welcher Branche? Und welche Schritte sind auf dem Weg dorthin erforderlich? Der Hintergrund für den aktuellen Vorstoß der IG Metall ist aber die Strukturkrise in der Autoindustrie, gepaart mit Corona. Das sind also schon zwei Paar Schuhe.

Kann eine Arbeitszeitverkürzung helfen, im Rahmen des mit der Digitalisierung verbundenen Strukturwandels Arbeitsplätze zu sichern?

An einem Punkt kommt beides zusammen, die Schwierigkeiten in der Automobilindustrie und die Digitalisierung: Arbeitszeitverkürzung, ob tarifvertraglich oder über Kurzarbeit geregelt, sollte nun auch dazu genutzt werden, dass die Beschäftigten sich weiterqualifizieren können. Das klingt immer ein bisschen zweckoptimistisch, aber wenn die Krise eine Chance sein soll, dann weil hinterher mehr Fähigkeiten, mehr Fertigkeiten erlernt wurden.

Lässt sich das auf andere Branchen übertragen?

Ja, da kommen viele Branchen infrage – insbesondere die, die vom technologischen Strukturwandel betroffen sind. In anderen Branchen wie dem Einzelhandel oder der Pflege, wo wir mit einer sehr dünnen Personaldecke kämpfen, wird das schon schwieriger. Da gibt es ja häufig noch nicht einmal verlässliche Dienstpläne, weil jeder Ausfall einer Kollegin dazu führt, dass eine andere kurzfristig einspringen muss. Eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich mag da in der Theorie eine tolle Idee sein, aber in der Praxis wird das nicht funktionieren. Hier brauchen wir erst mal mehr Personal. Und natürlich muss dann in einem zweiten Schritt eine höhere Produktivität unserer Volkswirtschaft auch bei allen ankommen.

Die IG Metall hält in Zusammenhang mit der Vier-Tage-Woche gewisse Lohnkürzungen für denkbar, wenn Unternehmen und Betriebsrat sich darauf einigen. Was würde es für die Beschäftigten bedeuten, auf einen Teil ihres Einkommens verzichten zu müssen?

Auch das hängt stark von der Branche ab. Schon in der Autoindustrie muss man zwischen den Zulieferern und dem Kern unterscheiden. Eine Verkäuferin mit einem Verdienst von 1700 Euro brutto wird keine Arbeitszeitverkürzung ohne vollen Lohnausgleich verkraften können, schon gar nicht, wenn sie in Teilzeit arbeitet. In anderen Branchen ließe sich eine Verkürzung der Arbeitszeit auch für Neueinstellungen nutzen. Aber auch das müsste auf betrieblicher beziehungsweise tariflicher Ebene verabredet werden, damit Arbeitszeitverkürzung am Ende nicht Arbeitsverdichtung bedeutet.

Ist überhaupt davon auszugehen, dass die Digitalisierung auf lange Sicht zu weniger Arbeit führt?

Die seriösen Theorien gehen davon aus, dass es durch die Digitalisierung keine Arbeitsplatzverluste in nennenswertem Umfang geben wird, sondern dass an anderen Stellen neue Arbeitsplätze entstehen. Wir brauchen zum Beispiel mehr Beschäftigte in der Weiterbildung und in der Pflege. Auch In der Energiewirtschaft, der Bauwirtschaft, im öffentlichen Personenverkehr ist der Bedarf an Fachkräften groß: Wir haben ja nicht nur eine Entwicklung hin zu mehr Digitalisierung, sondern auch eine sozialökologische Wende zu gestalten und den demografischen Wandel zu bewältigen. Am Ende wird es darum nicht zu erheblichen Jobverlusten kommen, wohl aber zu Umwälzungen. Auch deswegen ist das Thema Qualifizierung so wichtig.

Was ist darüber hinaus langfristig beim Thema Arbeitszeit zu bedenken, auch über die Corona-Krise hinaus?

Die Diskussion über Arbeitszeitverkürzung bildet ganz sicher nicht die breite Diskussion über Arbeitszeit ab, die wir im Moment haben und die an manchen Stellen ganz und gar nicht vorteilhaft für die Beschäftigten verläuft. Wir hatten zum Beispiel vor und durch Corona zahlreiche Vorstöße seitens der Arbeitgeber und der Politik, die Arbeitszeit zu verlängern – mit dem Argument, dass Arbeitskräfte in der Krise länger zur Verfügung stehen müssen und dass überhaupt vor dem Hintergrund der Globalisierung mehr Flexibilität benötigt werde. Vor all diesen Vorstößen warnen wir ausdrücklich, denn das Arbeitszeitgesetz ist auch ein Arbeitsschutzgesetz. Es schützt die Gesundheit der Beschäftigten und damit letztlich auch ihre Produktivität. Deswegen ist es aus unserer Sicht wichtig, dass wir dabei bleiben.

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