Bedeutend aber fragil

Die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Hansestadt hat eine hohe Bedeutung für den Arbeitsmarkt, doch die Verhältnisse sind prekär: Niedrige Gehälter, wenig Festanstellungen. Die Corona-Krise hat vielen Branchen zugesetzt, vor allem freischaffende Künstler und Journalisten sind betroffen.

Text: Insa Lohmann | Foto: Kay Michalak

Musik, Film, Rundfunkt, Kunst, Presse: In Bremen arbeiten rund 19.000 Menschen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. „Die Kultur- und Kreativwirtschaft ist hier ein bedeutender Arbeitsmarkt“, sagt Michael Söndermann, der in Köln das Büro für Kulturwirtschaftsforschung leitet. 2018 erwirtschaftete die Kultur- und Kreativszene rund eine Milliarde Euro. „Allerdings ist der Anteil der Kultur- und Kreativwirtschaft gemessen an der Bremer Gesamtwirtschaft mit einem Anteil von 1,45 Prozent erstaunlich gering“, so Söndermann weiter. Erhoben wurden diese Zahlen von der Arbeitnehmerkammer Bremen, die bereits vor der Coronakrise die Experten Michael Söndermann und Adrian Rudershausen mit einer Studie zu den Arbeitsbedingungen der Branche beauftragt hat. Und die zeichnet ein fragiles Bild der Bremer Kultur- und Kreativwirtschaft. Corona hat die Verhältnisse nun weiter verschärft: Viele Beschäftigte der Branche sind in Kurzarbeit, doch besonders schlimm hat es die freien Künstler getroffen.

„Corona reißt mich komplett rein“, berichtet die freie darstellende Künstlerin Uli Baumann. „Bis Ende des Jahres wurden alle Veranstaltungen abgesagt.“ Baumann, die als Komikerin, Sängerin und Unterhaltungskünstlerin in Bremen arbeitet, lebt zu hundert Prozent von ihren freiberuflich erwirtschafteten Einkünften. Und damit ist sie nicht alleine: Lediglich 26 Prozent der Kultur- und Kreativschaffenden arbeiten Vollzeit in einem Angestelltenverhältnis. „Die Vollzeitbeschäftigung wird zur Ausnahme in dieser Branche, die Teilzeitbeschäftigungen steigen und die Fragilität nimmt zu. Zudem gibt es in Bremen eine große Vielfalt an Freiberuflern und selbstständigen Unternehmen“, sagt Michael Söndermann, der an der Studie im Auftrag der Arbeitnehmerkammer Bremen mitgearbeitet hat. Diese Beschäftigungsstruktur ist nun in der Corona-Pandemie besonders problematisch: „Die Kultur- und Kreativwirtschaft zeigt sehr anfällige Beschäftigungsformen, die nicht genügend oder gar kein Kurzarbeitergeld bekommen“, so Söndermann weiter. Die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler trifft die Corona-Krise damit besonders hart.

Umsatzverluste von bis zu 100 Prozent

Acht Prozent aller Kultur- und Kreativschaffenden rechnen laut einer Umfrage des Kompetenzzentrums Kultur- und Kreativwirtschaft in diesem Jahr mit Umsatzverlusten zwischen 90 und 100 Prozent. Rund ein Viertel der Befragten geht immerhin von verminderten Umsätzen von bis zu 50 Prozent aus. „Die Zahlen zeigen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft in besonderem Maße von der Corona-Pandemie betroffen ist“, sagt der Bremer Redakteur und Medienexperte Adrian Rudershausen, der ebenfalls an der von der Arbeitnehmerkammer beauftragten Studie mitgearbeitet hat. „Der Großteil der Befragten rechnet mit erheblichen Einkommensausfällen bis Jahresende und darüber hinaus. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Ausfälle nicht nachgeholt werden können.“

Um den Ausfall ihrer Veranstaltungen zumindest ein bisschen kompensieren zu können, hat die darstellende Künstlerin Uli Baumann über das Landesförderprogramm die sogenannte Corona-Soforthilfe beantragt. Seit April konnten freischaffende Künstlerinnen und Künstler bis zu 5.000 Euro an Geldern beantragen. „Damit ist zumindest meine existenzielle Not abgedeckt“, sagt Baumann. Problematisch seien die ohnehin niedrigen Gehälter in ihrer Szene schon immer gewesen, das werde jetzt mehr denn je deutlich. „Viele Kolleginnen und Kollegen leben am unteren Rand des Einkommens. Das, was man auf Kleinkunstbühnen verdient, ist oft unterirdisch schlecht.“

In Bremen sei man als freischaffende Künstlerin oder Künstler vergleichsweise aber gut dran, betont die Wahl-Bremerin. Dass sich seit 2014 rund 100 darstellende Künstlerinnen und Künstler aus der Hansestadt im „Landesverband für darstellende Künste in Bremen“ engagieren, habe in den letzten Jahren viel bewirkt und auch die Vernetzung innerhalb der Stadt erleichtere die aktuelle Situation: „Der Austausch mit der Kulturbehörde ist sehr gut. Viele Menschen wollen, dass es in Bremen diese Kulturvielfalt gibt“, sagt Baumann. „Das kommt uns auch in der Krise zugute.“ Zwar seien die Verdienstmöglichkeiten derzeit nach wie vor rar und ein Ende des Veranstaltungsausfalls nicht abzusehen, aber die freie Künstlerin nutzt die auftrittsfreie Zeit auch, um mal durchzuatmen. „Oft entstehen in solchen Phasen neue Ideen“, sagt Uli Baumann.

Viele Kulturbetriebe sind im „Notbetrieb“

Da bis mindestens Ende Oktober weiterhin keine Großveranstaltungen möglich sind, stehen die Zeichen für viele Kunst- und Kulturbetriebe weiterhin auf „Notbetrieb.“ Dass Not auch erfinderisch machen kann, haben Renate Heitmann von der Bremer Shakespeare Company und ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter bewiesen: Gemeinsam haben sie den Kultursommer Summarum organisiert, bei dem Künstlerinnen und Künstler aller Genres an verschiedenen Orten Lesungen, Theater, Schauspiel, Varieté und andere Performances präsentiert haben. Es gab Resonanz aus allen Bereichen: „Unter den freien Theatern herrscht eine große Solidarität“, sagt Heitmann. Über 200 Veranstaltungen haben sie und ihre Mitstreiter auf die Beine gestellt. Es ist auch Heitmanns Art, mit der Krise umzugehen. „Wenn man nichts tut, gibt es nichts zu tun“, sagt sie. Die Krise habe sie ermutigt, jetzt erst recht neue Dinge anzustoßen und verschiedene Künstlerinnen und Künstler mit ins Boot zu holen: „Ich fühle mich verantwortlich für die Leute hier.“

Die Bremer Shakespeare Company selbst wird zu 60 Prozent von der Stadt Bremen gefördert. „Das Kurzarbeitergeld hat uns gerettet“, sagt Renate Heitmann. Aber nicht alle Regisseure und Schauspieler sind festangestellt: „Wir haben einen großen Stamm an freien Künstlerinnen und Künstlern“, sagt Heitmann. Die seien von der Pandemie besonders stark betroffen, schließlich ist der Kunst- und Kulturbereich eine stark verzweigte Branche. Um die existenzielle Not der Freischaffenden abzufedern, hat die Bremer Shakespeare Company deshalb Spenden für sie gesammelt. Renate Heitmann, die seit 1991 bei dem Bremer Theater tätig ist, hofft, dass gegen Ende des Jahres wieder annähernd ein Normalbetrieb möglich ist. Bis dahin will die Bremer Shakespeare Company mehrere kürzere Stücke pro Abend mit jeweils kleinerem Publikum spielen.

„Der Bereich findet erst langsam Anerkennung“

Inzwischen ist auch die Kulturbehörde auf die schon vor Corona prekäre Situation vieler Künstlerinnen und Künstler aufmerksam geworden. Im aktuellen Haushalt wurden daher fünf Millionen Euro mehr für den Kulturetat eingeplant – jedenfalls bis Corona kam. Auch Andrè Stuckenbrok, Kulturschaffender und Musiker, lobt den engen Austausch mit der Kulturbehörde: „Die Unterstützung ist top. Allerdings findet der Bereich erst langsam Anerkennung.“ Stuckenbrok gründete 2007 den Verein Musikszene Bremen, um Musikerinnen, Musikern und Bands den Zugang zu Proberäumen zu erleichtern. Mit Erfolg: Seit mittlerweile mehr als zehn Jahren ist der Verein Musikszene Bremen in der Zollkantine in der Überseestadt beheimatet und will das Gebäude nun fest übernehmen. Dort stehen den Musikerinnen und Musikern mehr als 40 Proberäume zur Verfügung.

Es gebe viel Unterstützung seitens der Stadt, sagt Stuckenbrok, aber der Verdienst sei prekär. Viele Touren seien für Musikerinnen und Musiker nicht kostendeckend. „Es fehlt in der Szene die Möglichkeit, Geld zu verdienen“, sagt der Musiker. Corona habe vielen nun erneut einen Dämpfer verpasst. Stuckenbrok und seine Mitstreiter der Musikszene Bremen wollen daher mit weiteren Proberäumen und verschiedenen Veranstaltungen die Professionalisierung der Musikerinnen und Musiker weiter vorantreiben. „Bremen als kleinste Metropole der Welt hat eine große Besonderheit für Musiker: Es gibt hier alles an Clubs, Akteuren, Labels, Veranstaltern und Marketingagenturen. Das ist ein Vorteil, den man bisher zu wenig ausspielt.“

Pressebereich zweitstärkster Markt in der Kultur- und Kreativwirtschaft

Gemessen an Umsatz und Beschäftigung nimmt der Pressebereich als zweitstärkster Markt innerhalb der Kultur- und Kreativwirtschaft in Bremen eine besondere Rolle ein: 3.257 Menschen arbeiten in diesem Wirtschaftszweig, der zuletzt einen Umsatz von 164 Millionen erzielte. Zeitungsverlage sind mit knapp 90 Prozent der wichtigste Arbeitsmarkt innerhalb der Branche. Und die steckt tief in der Krise: In den letzten 20 Jahren sind die Einnahmen durch Anzeigengeschäfte sowie die Zahl der verkauften Zeitungen um 40 Prozent gesunken. Die Verlage suchen nach neuen Geschäftsmodellen: Paid Content, e-Paper, Apps. „Wirklich erfolgreich ist damit allerdings bisher niemand, abgesehen von den ganz Großen“, sagt Medienexperte Adrian Rudershausen. „Zugleich hat sich eine Vielzahl an reichweitenstarken Anbietern etabliert, die mit den Zeitungen um den Werbemarkt im Internet konkurrieren. Die Folge sind umfangreiche Rationalisierungsmaßnahmen.“ Personal wird abgebaut, immer weniger Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen die Arbeit alleine schultern. „Die Arbeitsbelastung für Journalisten steigt durch weniger Zeit, weniger Geld und mehr Aufgaben“, so Rudershausen. Seit 2010 haben Vollzeitstellen um fast acht Prozent abgenommen, Teilzeitstellen sind um fast 29 Prozent gesunken. Am massivsten hat es die kurzfristig Beschäftigten getroffen, dazu zählen auch freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie machen nur noch rund 15 Prozent der Beschäftigten in den Zeitungsverlagen aus, ihre Zahl ist zwischen 2010 und 2018 um 76 Prozent gesunken.

Das bestätigt auch Ruth Gerbracht, Journalistin und Betriebsrat-Vorsitzende beim Weser-Kurier: „Die Branche hat sich massiv verändert.“ Als sie vor rund 30 Jahren als Sportredakteurin bei der Tageszeitung in Bremen anfing, habe der Verlag noch etwa 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt – inzwischen sind es noch rund 500. „Viele wandern in Pressestellen ab“, sagt sie. Das liegt nicht zuletzt am Zeitungssterben: Die Auflage ist von seinerzeit 240.000 auf aktuell 140.000 gesunken. Redaktionen wurden ausgegliedert, das Druckhaus zum Ende des Jahres gar ganz aufgegeben. „Auch die Gehälter sind niedriger als zu meinen Zeiten“, sagt die Journalistin. Die Corona-Pandemie hat den Trend weiter befeuert: „Die Anzeigen wurden massiv heruntergefahren, wir haben dadurch wirtschaftliche Probleme“, sagt Ruth Gerbracht. Zusätzlicher Druck entsteht für Zeitungsverlage durch die Konkurrenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Es ist schwierig dagegen zu halten.“

Freiberufliche Journalisten existenziell gefährdet

Corona gefährdet derzeit vor allem die freien Journalistinnen und Journalisten: Viele Auftraggeber fallen teilweise komplett weg, da sie aufgrund der angemeldeten Kurzarbeit keine Freien beschäftigen dürfen. Auch hier werden die ohnehin prekären Verhältnisse durch die Krise weiter verschärft. Eine Umfrage des Deutschen Journalisten-Verbandes aus dem Mai 2020 zeigt, dass das Einkommen der freien Journalistinnen und Journalisten von durchschnittlich 2.470 Euro auf 780 Euro gesunken ist. Laut Bundesverband Freie Berufe ist der wirtschaftliche Schaden für jeden dritten Freiberufler existenzbedrohend. Auch der Bremer Ulf Buschmann, der seit 1989 als freier Journalist arbeitet, verlor von heute auf morgen einen Großteil seiner Aufträge. „Als Corona aufkam, ging das plötzlich ganz zügig“, sagt er. Ein Verlag, für den er regelmäßig arbeitet, wurde in Kurzarbeit geschickt, er durfte nicht mehr beauftragt werden.

Buschmann konnte auf Reserven zurückgreifen und beantragte zudem 2.200 Corona-Soforthilfe, die er gewährt bekam. Das „Sofortprogramm zur Unterstützung freischaffender Künstlerinnen und Künstler aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Krise“ ist am 31. Mai 2020 ausgelaufen. In den Regularien des neu aufgelegten Programms zur Unterstützung freischaffender Künstlerinnen und Künstler aufgrund der Auswirkungen der Coronavirus-Krise in Bremen, das bis Ende August läuft, heißt es: „Die Soforthilfe schließt den freiberuflichen journalistischen Bereich nicht ein.“

„Bin optimistisch“

Nach dem Lockdown im März habe Buschmann ein paar Wochen gebraucht, um das Ausmaß der Situation zu begreifen. Dann habe er überlegt, welche Alternativen es gebe und gemeinsam mit anderen freien Kolleginnen und Kollegen ein Konzept für ein neues Nachrichtenportal entwickelt. „Corona hat durchaus auch was Positives“, sagt er. Neben dem neuen Standbein, das er sich aktuell aufbaut, kommen auch die Aufträge wieder zurück. „Ich bin für nächstes Jahr optimistisch“, sagt Ulf Buschmann. Auf das klassische Verlagswesen will er sich trotzdem nicht mehr verlassen.

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