Gemeinsam Zukunft gestalten

Den Blick für Vielfältigkeit schulen – zum Nutzen aller

Jeden Tag arbeiten Beschäftigte unterschiedlicher Herkunft in Bremer Betrieben, Verwaltungen und Einrichtungen zusammen. Diversitätsbeauftragte wie Ferdaouss Adda helfen, den Blick für diese Vielfältigkeit zu schulen – zum Nutzen aller.

Text: Melanie Öhlenbach
Foto: Jonas Ginter

557.464 Menschen, 173 Länder, 200 Sprachen: Mit der Aktion „Bremen lebt Vielfalt“ machte im Jahr 2017 der Bremer Rat für Integration und das Bündnis „Bremen ist bunt“ sichtbar, wie vielfältig die Bevölkerung im Lande Bremen ist. Das spiegelt sich auch in der Arbeitswelt wider: Im Theater Bremen beispielsweise kommen die rund 440 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 82 Ländern und sprechen mehr als 70 Sprachen.

Eine von ihnen ist Ferdaouss Adda. Die promovierte Ethnologin wurde als Tochter marokkanischer Eltern in Deutschland geboren und arbeitet nun am Goetheplatz, als Referentin für interkulturelle Öffnung im Projekt „Everyone‘s welcome – Theater Bremen goes Diversity!“. Finanziert wird die Stelle von der Kulturstiftung des Bundes über das Programm „360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft“.

Vier Jahre lang hat Adda nun insgesamt Zeit, um das Thema Diversität auf, vor und hinter der Bühne sichtbarer zu machen: in der Gestaltung des Programms und seiner Umsetzung, bei der Ansprache neuer Zielgruppen und im täglichen Umgang der Mitarbeitenden untereinander. „Diversität muss gestaltet und gemanagt werden“, sagt die Ethnologin.

„Wir müssen erkennen und darüber sprechen, dass wir vielfältig sind. Erst dann können wir ein Bewusstsein für Diversität ausbilden – und das auch strategisch nutzen, um gemeinsam eine Zukunft zu gestalten.“
Ferdaouss Adda

In Workshops und Einzelgesprächen, mit dem Leitungsteam und den Beschäftigten der Abteilungen Kunst, Technik und Verwaltung arbeitet sie Schritt für Schritt an der Umsetzung. Sie berät und begleitet bei der Umsetzung von Stücken, besucht Proben und liest Stellenausschreibungen. Ihr Ziel: Motive, Selbstverständlichkeiten und tradierte Muster hinterfragen.

Ihr Ansatz: Fragen stellen. „Ich will wissen und verstehen, warum etwas auf eine bestimmte Weise gemacht wird – und wie wir es vielleicht ändern können“, erklärt sie. In ihrem ersten Jahr hat die Ethnologin bereits einiges verändert.

Unter anderem hat sie interne Workshops zu Diskriminierung und Rassismus organisiert und eine erste Bestandsaufnahme erarbeitet. Insgesamt will das Theater die Hälfte der 20 frei werdenden Stellen in den kommenden Jahren mit Menschen mit Migrationshintergrund besetzen. „Diversität wird von den Kolleginnen und Kollegen bewusster wahrgenommen – auch weil nun jemand da ist, der sich darum kümmert“, meint Adda.

Vielfältige Lebensläufe

Laut der Beschäftigtenbefragung der Arbeitnehmerkammer aus dem Jahr 2019 hat jeder vierte Beschäftigte in Bremen einen Migrationshintergrund, wurde also nicht mit einer deutschen Staatsbürgerschaft geboren oder hat mindestens einen Elternteil, auf den dies zutrifft. In der Leiharbeit (50,7 Prozent) und im Lebensmittel- und Gastgewerbebereich ist es etwa jeder Zweite (45,4 Prozent). In Fertigungsberufen und den Bereichen Verkehr und Logistik trifft dies auf mindestens ein Drittel der Beschäftigten zu.

Die Ausgangslage ist dabei oftmals so individuell wie die Menschen selbst: EU-Bürger aus Italien, Bulgarien und Polen gehören beispielsweise zu dieser Gruppe wie Spätaussiedler, gezielt angeworbene Fachkräfte aus den USA und den asiatischen Ländern sowie Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan, den afrikanischen Ländern sowie den Staaten des ehemaligen Jugoslawiens.

„Der Begriff ‚Migrationshintergrund‘ steht für eine große Vielfalt von Lebensgeschichten und auch Berufsbiografien. In den aktuellen Diskussionen läuft er leider Gefahr, verengt zu werden und eindimensionale Zuschreibungen und Bilder zu erzeugen“, sagt Regine Geraedts, Referentin für Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik der Arbeitnehmerkammer. „Er lässt auch leicht in Vergessenheit geraten, dass knapp die Hälfte der Beschäftigten mit familiären Migrationserfahrungen in Deutschland geboren und aufgewachsen ist.“

Ähnlich verschieden sind auch die Herausforderungen, mit denen die Beschäftigten, ihre Kolleginnen und Kollegen und Arbeitgeber zu tun haben – angefangen vom Aufenthaltsstatus und der Anerkennung des Abschlusses über Sprachkenntnisse bis hin zu kulturellen und religiösen Unterschieden.

Integration fördern, Diskriminierung bekämpfen

Rainer Schmidt vom Referat Integrationspolitik, Migrationsund Integrationsbeauftragte sieht das Land grundsätzlich auf einem guten Weg. „Wir haben in denn vergangenen Jahren in Bremen viel geleistet und stehen im Vergleich zu anderen Bundesländern gut da – vor allem wenn man die Haushaltsnotlage beachtet.“

Dennoch gibt es noch viele Baustellen. Laut einer Standortbestimmung des Senats vom 18. Dezember 2018 ist die Verbesserung der Beratungsinfrastruktur für Ratsuchende bei Diskriminierungsfällen im Land Bremen von entscheidender Bedeutung: „Mit Blick auf künftige Handlungsbedarfe fordert das Netzwerk gegen Diskriminierung ein flächendeckendes Angebot an Diskriminierungsberatungsstellen mit ausreichender personeller und finanzieller Ausstattung ebenso wie eine zentrale und unabhängige Anlaufstelle gegen Diskriminierung.“

Im aktuellen Koalitionsvertrag sind diese Punkte aufgegriffen worden. Auch Arbeitslosigkeit ist ein Problem. „Mehr als 50 Prozent der Langzeitarbeitslosen haben einen Migrationshintergrund“, sagt Rainer Schmidt.

In Bremen gibt es daher mehrere Konzepte und Ansätze, die aus Landesmitteln und dem Europäischen Sozialfonds gefördert werden. Dazu gehören unter anderem die bei den Handwerks- und Handelskammern angesiedelten Willkommenslotsen, das Einstiegsqualifizierungsprogramm „Zukunftschance Ausbildung“ und das ESF-Programm für Menschen mit Migrationshintergrund. Der Fokus liegt dabei vor allem auf jungen Geflüchteten.

Neben der fachlichen Qualifizierung hat Rainer Schmidt einen weiteren Faktor für einen erfolgreichen Einstieg in die Arbeitswelt ausgemacht: „Wir brauchen mehr berufsbezogenen Deutschunterricht in den Berufsschulen und den Betrieben. Sprache ist der Schlüssel zur Arbeit – und zur Integration.“

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