Uni für Betriebsräte

Ein neuer berufsbegleitender Studiengang bietet Mitarbeitervertretern auch berufliche Perspektiven.

Der neue berufsbegleitende Studiengang „Arbeitsbezogene Beratung“ an der Universität Bremen vermittelt Mitarbeitervertretern, Gleichstellungsbeauftragten, Betriebs- und Personalräten nicht nur Fachwissen und Kompetenz. Er bietet ihnen auch berufliche Perspektiven.

Text: Melanie Öhlenbach
Foto: Kay Michalak

Übernahme, Umzug, Umfirmierung: Carmen Pache hat bei der Greenyard Fresh Germany GmbH, dem ehemaligen Fruchthof, zuletzt einige Veränderungen erlebt – als Mitarbeiterin und als Betriebsrätin. Seit zehn Jahren ist sie Teil des Bremer Gremiums, seit dem Jahr 2018 freigestellte Vorsitzende des Betriebsrats und Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats und auch für die Belegschaft weiterer Niederlassungen in Deutschland verantwortlich.

Eine Arbeit, die Carmen Pache viel Freude macht, aber nicht immer ganz einfach ist. „Die Globalisierung und Digitalisierung stellt uns vor ganz neue Herausforderungen“, sagt die 53-Jährige. „Der Arbeitsalltag ist komplexer als vor 20 Jahren.“ Da ist zum Beispiel die Frage, inwiefern nach Feierabend von zu Hause aus noch E-Mails bearbeitet werden dürfen oder müssen. Oder ob die neue Software zu viele Daten sammelt und so die Leistung der Beschäftigten kontrolliert. „Bei solchen Fragen müssen wir beteiligt werden“, sagt Carmen Pache, „auch zum Schutz der Mitarbeiter.“

Als Betriebsrätin hat sie aber nicht nur ein Mitspracherecht bei Neuerungen im Unternehmen. Sie hilft Kolleginnen und Kollegen auch bei ganz arbeitsalltäglichen Fragen und Problemen weiter: wenn es mal nicht so gut klappt im Team, jemand einen neuen Bürostuhl benötigt, eine Auszeit nehmen will. Dann muss Carmen Pache die richtigen Paragrafen und Verordnungen kennen und Fingerspitzengefühl beweisen.

Viel Wissen hat sich die 53-Jährige angelesen und bei Dutzenden Weiterbildungen gelernt – und oftmals ihre Freizeit dafür geopfert. Solche Veranstaltungen seien zwar auch gut zum Netzwerken, meint die Betriebsrätin, mit den Teilnahmebescheinigungen habe sie am Ende kaum etwas anfangen können.

„Der Arbeitsalltag ist komplexer als vor 20 Jahren.“
Carmen Pache (Teilnehmerin)

Dieses Problem kennt Simone Hocke. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen (zap) beschäftigt sich seit Jahren mit der Arbeit von Betriebsräten. Und mit ihrer Anerkennung – oder besser gesagt: dem Mangel daran. „Betriebsrat zu sein, braucht auch eine berufliche Perspektive“, so ihr Fazit.

Denn innerbetriebliche Interessenvertretung ist kein Beruf. Betriebsräte werden von den Beschäftigten für eine bestimmte Zeit gewählt. Wer das Amt verliert, kehrt häufig auf die alte Stelle zurück – sofern man freigestellt war und die Aufgaben nicht ehrenamtlich nebenbei erfüllte. „Das gesammelte Wissen, die Netzwerke und Kompetenzen können dann oft nicht mehr genutzt werden“, sagt Simone Hocke. „Das macht das Amt gerade für junge Leute unattraktiv.“

Gemeinsam mit der Arbeitnehmerkammer Bremen hat das zap daher ein neues, berufsbegleitendes Zertifikatsstudium entwickelt. Ein Jahr lang beschäftigen sich die Studierenden dabei mit den Grundlagen verschiedener Beratungsformen in Bezug auf Arbeit, Einzelpersonen, Teams und Gruppen. Nach erfolgreichem Abschluss erhalten sie nicht nur ein Zertifikat, sondern auch ETCs-Punkte: Der Studiengang „Arbeitsbezogene Beratung“ ist Teil des geplanten deutschlandweit ersten Masterstudiengangs „Partizipative Arbeitsgestaltung, Personalentwicklung und Organisationsberatung“. Die Akkreditierung des Masters an der Universität Bremen läuft derzeit, zwei der drei Teilbereiche können bereits belegt werden. „Mit den Abschlüssen der Zertifikatsstudiengänge kann man sich dann bewerben, zum Beispiel in der Projektplanung oder Personalentwicklung“, so Simone Hocke.

„Betriebsrat zu sein, braucht auch eine berufliche Perspektive.“
Simone Hocke (Programmleitung zap)

Carmen Pache ist eine der insgesamt elf Teilnehmer. Für die 53-Jährige ist es eine Rückkehr ins Studentinnenleben. Ihre Kommilitonin Sandra Werner besucht nun zum ersten Mal eine Universität – und erfüllt sich damit einen kleinen Traum: Mit ihrem Realschulabschluss war Studieren keine Option. Dass sie ihre Betriebsratsarbeit bei der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) nun professionalisieren kann, freut sie. „So traurig es ist, dass es diese Möglichkeit nicht schon früher gab, so sehr freue ich mich, dass ich nun doch noch diese Chance bekomme“, sagt die 51-Jährige.

Das Studentinnenleben ist allerdings kein Zuckerschlecken. An das wissenschaftliche Arbeiten habe sie sich erst einmal gewöhnen müssen, sagt Sandra Werner, und auch den Zeitaufwand habe sie zu Beginn unterschätzt. Vor allem nach Feierabend und am Wochenende wälzt sie nun wissenschaftliche Fachliteratur, schreibt Hausarbeiten oder tauscht sich mit ihren Kommilitonen in einem virtuellen Klassenraum aus.

„Das Studium hilft mir, meine Arbeit nicht intuitiv zu machen, sondern sie mit Methode zu reflektieren und zu verbessern.“
Sandra Werner (Teilnehmerin)

Dass sich der Einsatz lohnt, davon ist sie überzeugt. Zwar hat sie als Betriebsrätin und ehemalige Frauenbeauftragte fast zehn Jahre lang Erfahrungen und jede Menge Wissen bei Fortbildungen sammeln können. Doch nun eröffnet sich ihr eine weitere Dimension: „Das Studium hilft mir, meine Arbeit nicht intuitiv zu machen, sondern sie mit Methode zu reflektieren und zu verbessern.“

Und das bringt ihr nicht nur etwas bei der Beratung von Kollegen. „Als Betriebsrat sind wir immer mehr bei der Mitgestaltung gefordert: Wir müssen selbst Vorschläge machen, die Hand und Fuß haben, Konzepte schreiben und darin mit den entsprechenden Belegen das Für und Wider darlegen. Auch dafür habe ich im Studium einiges gelernt“, sagt die freigestellte Betriebsrätin.

Dass sie und Carmen Pache den Zertifikatsstudiengang belegen können, verdanken sie ihrem eigenen Engagement, dem Verständnis ihrer Familien und auch ihren Arbeitgebern. Die Unternehmen unterstützen die Betriebsrätinnen, indem sie sie für den Besuch der Präsenzveranstaltungen teilweise freistellen und die Kosten übernehmen. „Die Weiterbildung selbst zu finanzieren, wäre für uns nicht möglich gewesen“, sagen sie.

 

Weitere Informationen AKB003_IconInfo

Zertifikatsstudiengang „Arbeitsbezogene Beratung“

Bewerbungsschluss für den Studienbeginn 2020 ist der 5. Juni.


Infoveranstaltung am Di., 28. April, 17 Uhr, UNICOM-Gebäude, Mary-SomervilleStraße 3 (Haus Turin, Erdgeschoss, Seminarraum 3)

Weitere Informationen auf der Website  und telefonisch bei Simone Hocke (zap), 0421 .218 56 707

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