Frauen zurück am Herd

Warum Corona auf die Gleich­berechtigung drückt

Wer sich in Corona-Zeiten die Rolle der Frau anschaut, muss sich wieder mit Frauenbildern aus den 1950ern und 1960ern auseinandersetzen. Wo Betreuungsmöglichkeiten wegbrechen, fangen vielfach Frauen die Mehrbelastungen auf. Gleichzeitig sind sie es, die vorwiegend in systemrelevanten Berufen arbeiten und dort oft einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind

Text: Meike Lorenzen | Foto: Kay Michalak

Nach Monaten im Pandemie-Lockdown rechnen Deutschlands ­Mütter ab. Acht Stunden Kinderbetreuung am Tag, 15 Euro die Stunde. Dazu kommt ein Aufschlag für Unterricht im Homeschooling sowie Materialkosten für Papier und Druckerpatronen. Es wird mehr gekocht, mehr eingekauft, mehr geputzt, mehr gewaschen. Seitdem auch in Bremen und Niedersachsen die Kinderbetreuung weggebrochen ist, zerreißen sich Eltern – vor allem die Mütter – zwischen Job und Heimarbeit. Ihrem Ärger machen sie unter anderem im Internet Luft. Unter den Hashtags #coronaelternrechnenab oder #coronaeltern sammeln sich bei Facebook, Twitter und Instagram fiktive Rechnungen an die Regierung und jede Menge Geschichten von Familien, die am Ende sind. Die Kleinsten haben in der Krise keine Lobby, lautet ihre Kritik.

Zahlen geben ihnen Recht: Laut DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) gibt es rund 8,8 Millionen betreuungsbedürftige Kinder in Deutschland. In mehr als vier Millionen Familien mit Kindern unter zwölf Jahren sind beide Elternteile berufstätig. Durch den Wegfall der Kinderbetreuung ist dieses Modell für die meisten Familien so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Zwar kann der DIW-Studie zufolge in rund 57 Prozent der Familien wenigstens ein Elternteil und 35 Prozent der Alleinerziehenden theoretisch ihre Arbeit im Homeoffice erledigen. Allerdings haben selbst die, die von zu Hause arbeiten können, bei der Kinderbetreuung noch lange keine Entlastung.

Homeoffice löst das Vereinbarkeitsproblem nicht
„Ich kann froh sein, wenn ich mal 20 Minuten am Stück ohne Mama-Rufe arbeiten kann“, erzählt eine Mutter auf Facebook. „Wie soll ich konzentriert arbeiten, wenn ich gleichzeitig die Schularbeiten meiner Söhne begleiten muss?“, fragt eine andere. „Was bringt mir die Notbetreuung für mein Vorschulkind, wenn der kleine Bruder weiter zu Hause bleiben muss?“ Andere quälen sich mit der Frage, ob sie die Kinder überhaupt in die Betreuung geben wollen oder ob es nicht irgendwie anders gehe. Schließlich werde so das Infektionsrisiko erhöht, auch das der Erzieherinnen und Lehrerinnen. Angst um Gesundheit, Finanzen und Haussegen dominieren die Postings, die meist von Müttern formuliert werden.

Sie tragen die Hauptlast der Krise – und damit wird ein Problem noch sichtbarer, das es schon vor der Pandemie gab. „Frauen sind hierzulande eher für die Familienarbeit verantwortlich als Männer“, so Marion Salot. Daten des Sozio-oekonomischen Panels zufolge haben Mütter bereits vor der Pandemie im Durchschnitt 5,3 Stunden pro Tag für die Kinderbetreuung aufgewendet, Väter hingegen nur zwei Stunden. Ähnlich sieht es auch bei der Aufteilung der Hausarbeit aus.

Grund dafür sind auch im Familienalltag ohne Covid-19 die fehlenden Betreuungsmöglichkeiten. „Der Anteil der Kinder unter drei Jahren, der in einer Betreuungseinrichtung unterkommt, ist in Deutschland im europäischen Vergleich relativ gering“, sagt Salot. Während in Dänemark 55 Prozent der Kinder unter drei Jahren mindestens 30 Stunden außer Haus betreut werden, liegt Deutschland in dieser Statistik mit 22 Prozent abgeschlagen auf dem 13. Platz. „Diese Lücke muss geschlossen werden, um beiden Elternteilen zumindest eine vollzeitnahe Beschäftigung zu ermöglichen“, sagt Salot.

Seit dem Wegfall der Kinderbetreuung sind Frauen noch mehr benachteiligt als sowieso schon. Eine Befragung der Hans-Böckler-Stiftung belegt das: In Familien mit Kindern unter 14 Jahren haben zwar 27 Prozent der Mütter, aber nur 16 Prozent der Väter ihre Arbeitszeit reduziert. Vor allem in Haushalten mit geringem Einkommen hat die Krise außerdem dazu geführt, dass die Sorgearbeit wieder in erster Linie von den Frauen übernommen wird, während sie vor der Krise fair geteilt wurde.

Forderungen nach Corona-­Elterngeld werden lauter
„Dass vor allem Frauen beruflich zurückstecken, wenn die Kinderbetreuung entfällt, hängt zwar auch mit nach wie vor vorherrschenden tradierten Rollen zusammen“, sagt Salot. Es gebe aber noch andere Gründe. „Auch wenn die Erwerbsbeteiligung von Frauen durch den Ausbau der Kinderbetreuung zugenommen hat, arbeiten sie viel häufiger in Teilzeit und in schlechter bezahlten Berufen als Männer.“ Entsprechend falle ein Verzicht auf ihr Einkommen weniger ins Gewicht. Und somit stehen Frauen derzeit wieder am Herd. Und daran wird auch die im Konjunkturpaket des Bundes beschlossene Einmalzahlung von 300 Euro pro Kind wohl nichts ändern.

Die Rufe nach einem echten Corona-Elterngeld werden entsprechend immer lauter, schließlich müsse auch Care-Arbeit bezahlt werden, auch sie brauche eine Lobby. „Das Corona-Elterngeld wäre sicher eine gute Möglichkeit, um Familien dauerhaft in dieser schwierigen Phase zu unterstützen“, sagt Marion Salot. Aber nur wenn die Zahlung an die Bedingung geknüpft wird, dass beide Elternteile ihre Arbeitszeit zur Kinderbetreuung reduzieren, kann vermieden werden, dass die Frauen wieder die Hauptlast tragen und sich alte Rollen wieder festigen.

Die Wissenschaft schaut besorgt auf die aktuellen Entwicklungen. Die renommierte Soziologie Jutta Allmendinger warnte schon mehrfach öffentlich, dass die Corona-Krise die Errungenschaften der Frauen um 30 Jahre zurückwerfen könnte. „Fernbleiben vom Arbeitsmarkt kegelt viele aus ihrem Karriereweg heraus, denn auch jetzt werden Weichen für berufliche Aufstiege geebnet, an denen sie derzeit nicht teilhaben können“, sagt auch Salot. Es zeige sich gegenwärtig mehr als deutlich, dass eine verlässliche Kinderbetreuung der Schlüssel für eine Gleichstellung auf dem Arbeitsmarkt ist.

Arbeitsschutz darf nicht zu kurz kommen
Während die einen Frauen um ihre Berufe und Werdegänge bangen, kämpfen sich andere auf ganz anderer Ebene durch den Corona-Alltag. Frauen in sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiten aktuell oft mehr als vor der Pandemie. Sie haben schnell Notbetreuungsplätze bekommen – mussten dafür aber nicht selten in bis zu 12-Stunden-Schichten im Supermarkt, im Krankenhaus, in der Schule, im Kindergarten oder der Pflegeeinrichtung schuften. An ihrer Mehrbelastung änderte das wenig – sie übernahmen zu Hause trotzdem mehr vom Haushalt als der Partner. Auch das belegen Studien. Für Alleinerziehende ist die Situation extra herausfordernd.

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