Das große Hin und Her

Für immer mehr Beschäftigte gehört das Pendeln zum Berufsalltag

Für immer mehr Beschäftigte gehört das Pendeln zum Berufsalltag. Allein in Bremen lag die Quote der Einpendler zuletzt bei über 40 Prozent. Wie geht es den Beschäftigten damit? Und welche Alternativen gibt es zum täglichen Hin- und Herfahren?

Text: Insa Lohmann | Foto: Kay Michalak

Vor zwei Jahren ist Timo-Noé Chitula mit seiner Familie von Bremen nach Posthausen gezogen. „Aus familiären Gründen“, erzählt der 34-Jährige. „Der Hauptgrund war unsere Kinderplanung.“ Neben den hohen Immobilienpreisen war der Wunsch, den Nachwuchs auf dem Land aufwachsen zu sehen, ausschlaggebend für den Umzug. Leicht sei ihm der Weggang aus Bremen nicht gefallen, sagt Chitula. Schließlich habe er rund 30 Jahre seines Lebens in der Hansestadt verbracht. „Aber das war einfach die günstigste Variante für uns“, sagt der Familienvater, der für einen Biotee-Onlineversand arbeitet. Nun pendelt der Exil-Bremer jeden Tag rund 40 Kilometer hin und wieder zurück. Bei durchschnittlichem Verkehr benötigt Timo-Noé Chitula etwa eine halbe Stunde pro Strecke. Als Pendler gelten Beschäftigte, die ihren Wohnsitz nicht in der gleichen Gemeinde wie ihren Arbeitsplatz haben.

Damit ist Chitula in guter Gesellschaft: Für immer mehr Beschäftigte im Land Bremen gehört das Pendeln zum Alltag. „Die Zahl der Einpendler ist in den vergangenen 20 Jahren stark gestiegen“, sagt Dominik Santner, Referent für Wirtschafts- und Infrastrukturpolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Zwar sei die Pendlerquote in Bremen seit einigen Jahren konstant, doch die Gesamtzahl hat in den meisten Jahren weiter zugenommen. In der Stadt Bremen ist die Zahl der Einpendler zwischen 2013 und 2019 um mehr als 11.000 gestiegen und lag zuletzt bei rund 119.000. In Bremerhaven war das Wachstum weniger stark. Konjunkturbedingt war das Wachstum von 2018 auf 2019 weniger stark ausgeprägt als in den Vorjahren. Die Einpendlerquote, also der Anteil der Pendler an allen Beschäftigten, lag 2019 in Bremen bei 42 Prozent. Santner führt den Anstieg auf die gute Entwicklung des Arbeitsmarktes in den vergangenen Jahren zurück.

Arbeitswege werden länger
Doch nicht nur mehr Menschen pendeln zur Arbeit, auch die Arbeitswege an sich werden zunehmend länger: Während in Deutschland die durchschnittliche Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort im Jahr 2000 noch bei 8,7 Kilometern lag, legten Beschäftigte 14 Jahre später bereits 10,5 Kilometer zurück. In der Stadt Bremen benötigen die Beschäftigten für ihren Arbeitsweg im Durchschnitt 64 Minuten hin und zurück, in Bremerhaven 45 Minuten. Das bevorzugte Verkehrsmittel der Bremerinnen und Bremer bleibt der Pkw: Knapp 59 Prozent der Beschäftigten in Bremen fahren vorwiegend mit dem Auto zur Arbeit – bei den Pendlerinnen und Pendlern, die ihren Arbeitsort in der Hansestadt haben, sind es sogar 72 Prozent.
Für Dominik Santner von der Arbeitnehmerkammer Bremen ist das nicht überraschend: „Das Auto ist ein flexibles und bequemes Verkehrsmittel.“ Viele Beschäftigte würden den Arbeitsweg im Pkw damit verbinden, die Kinder aus der Betreuung abzuholen oder Erledigungen zu machen. Entscheidend bei der Wahl des Verkehrsmittels sei einerseits die Lage des Arbeitsplatzes, andererseits die Lage des Wohnortes: Gibt es einen guten Zugang zu Alternativen wie öffentlichen Verkehrsmitteln? Vor allem der ländliche Raum sei nach wie vor schlechter an den ÖPNV angebunden, sagt Dominik Santner: „Da gibt es kaum Alternativen zum Auto.“

„Pendeln hat auch etwas Schönes“
Auch Timo-Noé Chitula, der mit seiner Freundin und seinem Sohn in Posthausen wohnt, legt seinen täglichen Arbeitsweg mit dem Auto zurück. Bevor er anfing für den Teehändler in der Überseestadt zu arbeiten, pendelte Chitula täglich mit dem Zug zwischen Bremen und Hamburg. Für den 34-Jährigen eine stressige Erfahrung. Da er häufig Ware zu Messen transportieren muss, verfügt er über einen Firmenwagen – dafür verzichtet er auf ein Prozent seines Bruttogehalts. Für Timo-Noé Chitula spielt Unabhängigkeit eine große Rolle bei der Wahl des Verkehrsmittels: „Mit dem Pkw bin ich mein eigener Herr.“ Die Zeit im Auto nutzt der Familienvater zum Beispiel, um Podcasts zu hören oder über die Arbeit nachzudenken. „Das Pendeln hat auch etwas Schönes, ich genieße die Ruhe“, sagt er. Doch für viele Pendlerinnen und Pendler bedeuten längere Arbeitswege mehr vergeudete Lebenszeit, mehr Stress und haben gesundheitliche Probleme zur Folge. Auch die erhöhte Belastung für Anwohner, andere Verkehrsteilnehmer und die Umwelt gehen einher mit längeren Wegstrecken. Darüber macht sich auch der 34-jährige Pendler Gedanken: „Die Umweltbelastungen sind definitiv ein Negativfaktor“, sagt Chitula. Als Mitgründer eines Onlineshops für bio-zertifizierten Tee spielt das Thema Nachhaltigkeit eine große Rolle für ihn. „Ich würde daher gerne auf ein Elektroauto umsteigen, sobald es bezahlbar wird und die Ladekapazitäten steigen“, sagt er.

Beschäftigte mit niedrigem Einkommen auf ÖPNV angewiesen
Viele Pendlerinnen und Pendler stellen sich bei der Wahl ihres Verkehrsmittels die Frage nach der Zeitersparnis. Beschäftigte, die mit dem ÖPNV zur Arbeit fahren, haben dabei den längsten Arbeitsweg: Sie verbringen täglich 83 Minuten in Bussen und Bahnen, um zu ihrem Arbeitsort in Bremen und wieder nach Hause zu gelangen. Doch insbesondere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer mit einem niedrigen Nettoeinkommen sind häufig auf die Nutzung des ÖPNV angewiesen: „Der öffentliche Nahverkehr ist ein sehr demokratisches Verkehrsmittel, das allen Beschäftigten eine Teilhabe am Arbeitsmarkt ermöglicht“, sagt Dominik Santner. In der Hansestadt wird der öffentliche Nahverkehr von 21 Prozent der Pendlerinnen und Pendler genutzt, in Bremerhaven sind es fünf Prozent. „Durch die Corona-Krise mussten wir im April einen deutlichen Rückgang der Fahrgäste verbuchen“, berichtet Andreas Holling von der Bremer Straßenbahn AG. „Aber die Lage hat sich wieder leicht entspannt.“ Mit der Rückkehr zur normalen Taktung und einem festen Fahrplan will die BSAG die Bremerinnen und Bremer langfristig wieder in die Straßenbahn bekommen. Sowohl in Bremen als auch Bremerhaven gibt es eine erhebliche Zahl von Arbeitsplätzen, die sich in am Rande gelegenen Gewerbegebieten befinden. Hier ist die Politik aus Sicht der Arbeitnehmerkammer Bremen gefragt, das Angebot der Linien weiter zu verbessern. Santner spricht sich außerdem für eine Nutzung von Job­Tickets für die Beschäftigten aus, um den Nahverkehr preisgünstig nutzen zu können. Auch eine Kostenbeteiligung an BahnCards für Fernpendler und Mitarbeitenden, die häufig Dienstreisen machen, könnte eine Unterstützung sein.

Klar ist: Um die Straßen zu entlasten und die Mobilitätswende zu unterstützen, müssen Alternativen zum Auto attraktiv werden für die Beschäftigten. So kann das Fahrrad im innerstädtischen Verkehr für viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer eine gute Wahl sein, auch für Beschäftigte aus den anliegenden Gemeinden. „Was mir fehlt, sind starke Radwege aus dem Umland“, sagt Carsten-Wilm Müller, Professor für Verkehr und Stadtbauwesen an der Hochschule Bremen, der einen Ausbau der Radinfrastruktur fordert. Doch nicht nur die Diskussion um eine autofreie Innenstadt wird bei den weiteren Planungen aus Müllers Sicht eine große Rolle spielen, sondern auch die Frage, wie und wo wir in Zukunft arbeiten wollen. „Es wird ein Umdenken in der Mobilität geben“, ist sich der Experte sicher. Die Corona-Krise habe schon jetzt sowohl für Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer einen Lerneffekt: „Viele haben jetzt festgestellt, dass Homeoffice tatsächlich funktioniert“, sagt Carsten-Wilm Müller. „Aber dadurch ist auch klar geworden, wo unsere Schwächen sind – auch in Bezug aufs Pendeln. Durch Nichtpendeln gewinnt man Lebenszeit, das wird die Menschen zum Nachdenken anregen.“

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