Mehr Zeit für Pflege

Ein Modell aus den Niederlanden für Deutschland?

In den Niederlanden gibt es ein neues Pflegekonzept, das Pflegekräften eigenverantwortliches Arbeiten ermöglicht - so haben sie mehr Zeit für ihre Patienten. Kann das auch in Deutschland funktionieren?

19. August 2019
Text: Isabel d'Hone

Mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ begrüßt Pfleger Andreas Mühle seine an Demenz erkrankte Patientin. Nachdem er alle morgendlichen Pflegetätigkeiten erledigt hat, nimmt er sich bei einem Kaffee Zeit, mögliche Probleme zu besprechen. Der Tagesschaubeitrag „#lösungsfinder: Wie kann Pflege persönlicher gestaltet werden?“ zeigt das neue Pflegemodell Buurtzorg, das nun als Projekt aus den Niederlanden nach Deutschland kommt. Der Name beschreibt das Modell als ambulante Pflege im kommunalen Umfeld. Sechs kleine Pflegeteams gibt es in Deutschland bereits, unter anderem in Emsdetten und Münster. Mit vier Mitarbeitern hatte der Krankenpfleger Jos de Blok 2007 Buurtzorg gegründet – heute arbeiten beim größten Pflegeanbieter der Niederlande über 14.000 Menschen.

Buurtzorg ist eine nicht gewinnorientierte Organisationsform in den Niederlanden in der ambulanten Pflege mit mittlerweile über 10.000 Pflegekräften. Die Besonderheit: minimierte Verwaltungskosten und sich selbst steuernde Teams.

Wie funktioniert Buurtzorg?

Das Besondere am Konzept: die Pflegerinnen und Pfleger arbeiten in kleinen, unabhängigen Teams mit maximal 12 Fachkräften und organisieren selbstständig ihre Arbeit. Dadurch vermeiden sie Bürokratie und gewinnen Autonomie: Sie können über ihr Budget, die Dienstpläne und notwendige Pflegemaßnahmen selber entscheiden. Durch die begrenzte Teamgröße und somit weniger Pflegerwechsel  soll eine stärkere Vertrauensbasis zwischen Patient und Pfleger entstehen.

Pfleger Mühle beschreibt im Fernsehbeitrag das Prinzip von Buurtzorg: „Wir nehmen zwar Klienten auf, aber mit dem Ziel Klienten wieder loszuwerden. Also sie soweit zu verselbstständigen - auch mithilfe eines privaten Netzwerks -, dass sie uns gar nicht mehr brauchen oder so wenig wie möglich.“

„Die Pflegekräfte wehren sich gegen Verhältnisse unter denen sie arbeiten und wollen ihre eigentlichen Aufgaben zurückerobern.“
Ulf Benedix

Für Wissenschaftler Ulf Benedix, der am Institut vor Arbeit und Wirtschaft (IAW) in Bremen aktuell zum Thema Langzeitoptionen in der ambulanten und stationären Pflege forscht, geht die Idee von Buurtzorg noch darüber hinaus. Benedix sieht darin eine praktisch umgesetzte Kritik an den Zuständen im niederländischen Pflegesystem: „Die Pflegekräfte wehren sich gegen Verhältnisse unter denen sie arbeiten und wollen ihre eigentlichen Aufgaben zurückerobern.“

Zentral dabei ist die hohe Eigenständigkeit der Pflegekräfte, da sie die Pflege stetig an die sich ändernden Bedürfnissen der Pflegebedürftigen anpassen können. Dafür suchen sie auch öffentliche und private Unterstützungsmöglichkeiten. Buurtzorg begreift ambulante Pflege als gesellschaftliche Aufgabe und bezieht dabei auch beispielsweise Familienmitglieder, Bekannte, aber auch kommunale Helfer mit ein. Besonders in den stark zersiedelten Niederlanden kann dieser Ansatz besonders gut funktionieren, vermutet Benedix. Ob er auch in Großstädten anwendbar ist, wird sich erst noch zeigen.

Umsetzung in Deutschland

Doch lässt sich diese niederländische Pflegephilosophie auch in Deutschland umsetzen? Eine mögliche Hürde dafür liegt im deutschen Abrechnungssystem. In den Niederlanden können Pflegekräfte im Rahmen der Verträge mit den Versicherungsanbietern selbst den Pflegebedarf und die dafür nötigen Ressourcen bestimmen.

In Deutschland ist der medizinische Dienst zwischengeschaltet, der Pflegestufen festlegt und damit auch über die Höhe des Geldes bestimmt, das für die Pflege einer Person zur Verfügung steht. „Dass die niederländischen Pflegekräfte selber über den Pflegebedarf bestimmen können, ohne dabei ‚unwirtschaftliche‘ Kosten zu produzieren, wird ihnen dort offenbar zugetraut“, sagt Benedix.

"Das Problem der Entgrenzung in helfenden Berufen könnte sich dadurch zuspitzen."
Ulf Benedix

Schon mit dem Pflegeneuausrichtungsgesetz von 2012 kam in Deutschland die Möglichkeit der Vereinbarung von Zeitkontingenten zusätzlich zur Abrechnung von Leistungen hinzu. Pflegebedürftige können bei dem von ihnen gewählten Pflegedienst frei zwischen diesen beiden Möglichkeiten wählen. Das Modellhafte bei Buurtzorg ist, dass ihre Kunden ausschließlich über Zeitkontingente abrechnen können. Denn nur so können die Pfleger jeden Tag flexibel entscheiden, welche Pflegetätigkeiten notwendig sind und haben auch Zeit für ein persönliches Gespräch.

Allerdings stellen sich durch die Zunahme an Verantwortung für das Pflegepersonal auch neue Fragen: „Das Problem der Entgrenzung in helfenden Berufen könnte sich dadurch zuspitzen“, befürchtet Benedix. „Wie können Pflegekräfte gut die Balance zwischen Arbeit und Privatleben halten?“ Und auch für die Entwicklung von mehr Vollzeitstellen in der Pflege sieht er das Modell eher nicht. Die Teams übernehmen zwar selbst die Einstellung von neuen Pflegekräften, können aber die Aufgabenverteilung mit Teilzeitstellen besser gestalten, besonders wenn es sich um kleine Teams handelt.

Weitere Infos AKB003_IconInfo

In jedem Fall lassen sich am Modell Buurtzorg  auch aktuelle Probleme und Perspektiven der ambulanten Pflege in Deutschland diskutieren. Die Arbeitnehmerkammer lädt daher zur Diskussion mit Pflegeanbietern, Kranken- bzw. Pflegekasse, Wissenschaft und Praktikern:

Veranstaltung
10. September 2019, 14-16:30 Uhr
Buurtzorg in der ambulanten Pflege – ein Modell auch für Bremen?
Kultursaal der Arbeitnehmerkammer, Bürgerstraße 1, Bremen

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