Alte Schätze, frischer Wind - Visionen für Bremerhaven

Bremerhaven als Stadt der Vielfalt, als Vorzeigestandort für nachhaltiges Wirtschaften oder als Hot Spot für kluge Köpfe?

Es gibt wohl nur wenige Städte in Deutschland, die sich mit Strukturwandel so gut auskennen wie Bremerhaven. In ihrer Vergangenheit musste sich die Seestadt immer wieder neuen Herausforderungen stellen – für die sie immer wieder Lösungen gefunden hat. Nicht zuletzt diese Wandlungsfähigkeit ist es, die ihr für die Zukunft vielfältige Potenziale eröffnet.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Kay Michalak

"Wer einmal hier ist, lernt diese Stadt lieben." Das sagt Martin Lukassen, Betriebsratsvorsitzender der AMEOS-Klinik BremerhavenMitte, über seine Wahlheimat. Er weiß, wovon er spricht: Seit 1974 lebt der gebürtige Cloppenburger, der hier damals seine Ausbildung zum Krankenpfleger begann und später bis zu seiner Wahl in den Betriebsrat als Anästhesiepflegeleiter tätig war, nun schon in der Seestadt. Und so ist ihm natürlich bewusst, dass Bremerhavens Image in der Öffentlichkeit alles andere als gut ist. Doch Lukassen hat sich in all den Jahren sein eigenes Bild machen können.

„Wenn die Leute einige Zeit hier sind, sind sie meist überrascht, dass die Stadt kein Vorort von Bremen ist und mehr Kultur zu bieten hat, als sie dachten“, hat er festgestellt. Ihm selbst fiel bei seiner Ankunft vor 45 Jahren als Erstes das offene Klima auf – Herkunft, Religion oder andere Kriterien spielten keine Rolle. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. Hätte er die Möglichkeit, als Botschafter für die Seestadt Werbung zu machen, würde er sie mit drei Worten beschreiben: „Ehrlich, weltoffen und tolerant.“

„Die Entwicklung Bremerhavens steht und fällt damit, welche Perspektiven die Menschen haben, die hier geboren werden.“
Marion Salot

Bremerhaven, der Osten des Westens: Ganz anders klingt da die Beschreibung, die manche Medien verbreiteten, als die Arbeitslosigkeit 2005 infolge von Schiffbaukrise und Abzug der US-amerikanischen Streitkräfte mit einer Quote von mehr als 25 Prozent ihren Höchststand erreichte. Bis heute hat die Stadt gegen die weitverbreitete Annahme zu kämpfen, dass sie im Wesentlichen durch Armut, vermeintliche Trostlosigkeit und abgehängte Stadtteile gekennzeichnet sei.

Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Neben den unbestreitbar vorhandenen Problemen, die der Strukturwandel hinterlassen hat, gibt es auch ganz andere Seiten zu entdecken. Ob Vielfalt der Kulturen, Lage am Meer, bezahlbarer Wohnraum, kluge Köpfe oder eine kleine, aber feine Kulturszene: Bremerhaven verfügt über viele Schätze, die schon gehoben sind – und über solche, die künftig noch gehoben werden können. Oder mit den Worten von Hendrikje Kozlowski, die an der Hochschule Bremerhaven Biotechnologie der Marine studiert: „Ich finde, dass die Stadt etwas zu bieten hat, wenn man danach sucht.“

"Wer einmal hier ist, lernt diese Stadt lieben."
Martin Lukassen

 

"Für mich ist Bremerhaven eigentlich ein Stadtteil von Berlin."
Sofia Schneider

 

Arbeitsmarkt mit Aufs und Abs

In den 1970er-Jahren war Vollbeschäftigung in der Seestadt keine Vision, sondern nahezu Realität. In Zeiten von Wirtschaftswachstum und guter Konjunktur freuten sich nicht nur die Werften über volle Auftragsbücher: Auch im Hafen, in der Fischerei und in der Fischverarbeitung gab es viel zu tun. Zudem sorgten die hier stationierten US-Amerikaner für einen ganz eigenen Arbeitsmarkt. Die Abhängigkeit von maritimen Branchen war es letztlich, die dazu führte, dass eine jahrzehntelange Strukturkrise die Stadt komplett veränderte. Fischereikrise, Weltwirtschaftskrise, Werftenkrise und 1992/1993 dann auch noch der Abzug der Amerikaner: Bis 2005 ging jeder fünfte Arbeitsplatz verloren. Immer mehr Wohnungen standen nun leer, die Kaufkraft ließ nach und so geriet auch der Einzelhandel in schweres Fahrwasser.

Seit 2006 geht es auf dem Arbeitsmarkt wieder aufwärts, rund 10.000 sozialversicherungspflichtige Jobs sind seither entstanden. Zu wichtigen Säulen im Strukturwandel wurden der wiedererstarkte Hafen sowie der Tourismus, und auch im Sozialwesen und im Wissenschaftssektor kamen viele zusätzliche Arbeitsplätze hinzu. Zwischen 2007 und 2013 sorgte darüber hinaus die von der Landesregierung gezielt geförderte Offshore-Windindustrie für einen Boom. Zwar ist die anfängliche Goldgräberstimmung nach diversen Insolvenzen in der Branche einer gewissen Ernüchterung gewichen.

„Aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre lassen sich aber einige Schlüsse ziehen, an die man anknüpfen kann“, sagt Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik bei der Arbeitnehmerkammer. So habe die Seestadt einmal mehr ihre Wandlungsund Anpassungsfähigkeit bewiesen: „Die Erfahrung mit Rückschlägen und Strukturbrüchen hat dazu geführt, dass hier nicht lange gefackelt wird, wenn sich Chancen bieten.“ Das politische Flankieren der Offshore-Windenergiebranche lasse sich als Blaupause auch für andere Branchen heranziehen, ist Salot überzeugt. „Dabei wird es die besondere Herausforderung sein, auf die eigenen Stärken und das regionale Profil zu setzen und dabei zu starke Abhängigkeiten von bestimmten Wirtschaftsbereichen zu vermeiden.“


Kultur als Bindeglied

Welche konkreten Chancen bieten sich Bremerhaven also nach den langen Jahren des Strukturwandels? Wer mit den Menschen spricht, merkt schnell, dass sie sich in ihrer Stadt wohlfühlen und viel Positives zu berichten haben. Da ist zum Beispiel die Künstlerin Sofia Schneider, die zusammen mit vielen anderen Kreativen im Goethequartier aktiv ist und große Lust hat, etwas zu bewegen. „Für mich ist Bremerhaven eigentlich ein Stadtteil von Berlin“, sagt sie. In den Straßen sehe es ganz ähnlich aus – nur dass man in Bremerhaven innerhalb von 20 Minuten jeden Ort erreichen könne.

Oder der Schweizer Schauspieler Roberto Widmer, der 2002 durch ein Engagement des Stadttheaters in die Seestadt kam und ursprünglich nur ein paar Jahre bleiben wollte – dem es dann aber so gut gefiel, dass er 2011 mit dem „piccolo teatro“ sein eigenes Zimmertheater gründete und etablierte. „Es gibt vielleicht einige nicht so schöne sozialpolitische Situationen hier“, meint Widmer. „Aber ansonsten finde ich, dass die Stadt eine extreme Attraktivität hat.“

Es sind Menschen wie sie, die sich dafür engagieren, die für eine eher kleine Großstadt schon recht lebendige Kulturszene weiter auszubauen. Und gerade die Kultur bietet hervorragende Möglichkeiten, neue Einwohner in die Stadtgesellschaft zu integrieren und sie so als Bereicherung wahrzunehmen. Dass die Seestadt „Multikulti“ kann, hat sie schließlich mit ihrer langen Aus- und Einwanderer-Tradition, den stets weltoffen empfangenen Seeleuten und dem freundschaftlichen Miteinander mit den hier stationierten Amerikanern längst bewiesen.

Zu den großen Vorteilen, mit denen Bremerhaven punkten kann, gehören die günstigen Mieten. Davon profitieren nicht nur die Einwohner, sondern auch die Kreativen und Existenzgründer. „Für Startups ist es optimal hier, weil die Räume so günstig sind“, macht Studentin Hendrikje Kozlowski deutlich. „Für einen Onlineshop zum Beispiel ist es ja egal, ob man in Berlin sitzt oder hier.“

Noch gezielter als bisher junge und innovative Unternehmen von der Stadt zu begeistern, wäre ein weiterer Ansatz zur positiven Gestaltung des Arbeitsmarkts. Da passt die aktuelle Idee, auf der Luneplate ein Gewerbegebiet für die Green Economy entstehen zu lassen, gut ins Bild. Mit Projekten wie diesem ließe sich zudem das Label „Klimastadt“, das sich Bremerhaven vor einigen Jahren gegeben hat, mit weiterem Leben füllen. Und warum nicht auch das Thema Mobilität gewinnbringend nutzen, um die Stadt noch attraktiver und umweltfreundlicher zu gestalten? Warum nicht neben kurzfristig realisierbaren Carund Bike-Sharing-Konzepten auch die immer wieder einmal diskutierte Vision vorantreiben, die 1982 stillgelegte Straßenbahn wiedereinzuführen?

"Es gibt vielleicht einige nicht so schöne sozialpolitische Situationen hier. Aber ansonsten finde ich, dass die Stadt eine extreme Attraktivität hat."
Roberto Widmer

 

"Ich finde, dass die Stadt etwas zu bieten hat, wenn man danach sucht."
Hendrikje Kozlowski

 

Jünger und bunter

Dass Bremerhaven seit einigen Jahren kinderreicher und noch internationaler wird, bietet ebenfalls neue Perspektiven für die Zukunft. Die Stadtpolitik hat diesen Aspekt längst in den Fokus genommen: 2012 stellte der Magistrat die Weichen in Richtung einer kinderfreundlichen Stadt, seit dem Beschluss des Rahmenkonzepts „Frühe Hilfen Bremerhaven“ werden vernetzte Angebote für Familien und ihre Kinder systematisch aufgebaut. Ziel ist eine kommunal breit aufgestellte und vernetzte Infrastruktur für Erziehung, Bildung und Gesundheit, die sich an den Bedarfen der jungen Familien orientiert.

Nachdem in Bremerhaven jahrelang weniger als 1.000 Kinder pro Jahr zur Welt kamen, steigt die Zahl der Geburten seit 2013 an und liegt mittlerweile bei mehr als 1.160 pro Jahr. Im Alter bis zu sieben Jahren gibt es heute gut 1.000 Kinder mehr als noch vor sechs Jahren. Während auch in deutschen Familien wieder mehr Kinder geboren werden, wird der Anstieg vor allem durch mehr zugezogene ausländische Kinder getragen. Ihr Anteil in dieser Altersgruppe hat sich fast verdoppelt.

Das bedeutet zugleich, dass die Bedeutung der frühkindlichen Bildung als Job-Motor künftig noch weiter zunehmen wird. Garantierte Kita-Plätze, gute Schulen, Mehrgenerationenhäuser, Spielstraßen, dazu attraktiver und bezahlbarer Wohnraum – es gibt viel zu tun, um die Familienfreundlichkeit weiter zu erhöhen. „In einem besonders kinderreichen Quartier könnte zum Beispiel modellhaft ein familiengerechter Stadtteil entwickelt werden“, schlägt Marion Salot von der Arbeitnehmerkammer vor.

Unter anderem das AlfredWegener-Institut, die Thünen-Institute für Seefischerei und Fischereiökologie und das Fraunhofer-Institut für Windenergiesysteme haben in den vergangenen Jahren schon viele kluge Köpfe in die Stadt geholt. Gleiches gilt für die Hochschule, die kontinuierlich wächst und die Zahl ihrer Studierenden von derzeit gut 3.000 auf 5.000 im Jahr 2035 aufstocken will.

Bei alldem darf allerdings das Themenfeld Ausbildung nicht aus dem Blick geraten. Es sei inakzeptabel, dass aktuell jeder dritte Großbetrieb in der Stadt keine Lehrstellen anbiete, kritisiert Marion Salot. „Die Entwicklung Bremerhavens steht und fällt damit, welche Perspektiven die Menschen haben, die hier geboren werden“, macht sie deutlich. „Es darf kein Jugendlicher verloren gehen, der eine Ausbildung machen möchte.“

Kommentar von Marion Salot, Referentin für Wirtschaftspolitik AKB_Icon_Comment2

Perspektiven für alle!

In der Seestadt gibt es viele Schätze, die zu heben sind. Aber diese Ansätze stoßen nur dann auf fruchtbaren Boden, wenn es gelingt, die Beschäftigungsperspektiven für die Menschen in der Stadt zu verbessern.

Das fängt bei den Jugendlichen an, die bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz leer ausgehen. Auch die Langzeitarbeitslosigkeit ist immer noch viel zu hoch und es fehlt an Arbeitsplätzen.

Die Erfahrungen, die Bremerhaven mit den zahlreichen Strukturbrüchen gemacht hat, zeigen, dass die Stadt ungewöhnliche Wege gehen kann, um Herausforderungen zu meistern. Ein wichtiger Beitrag kann ein dauerhaft eingerichteter öffentlich geförderter Beschäftigungssektor sein. So können auch Menschen, denen es schwerfällt auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.

Die Spielräume, die von der Bundespolitik hier eröffnet werden, sollten in Bremerhaven konsequent genutzt werden. Denn eine Stadt ist nur dann wirklich lebenswert, wenn sie allen Bürgerinnen und Bürgern eine Perspektive bietet.

 

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