Bremen hinkt beim Kita-Ausbau hinterher

Trotz aller Ausbau-Anstrengungen fehlen in Bremen nach wie vor hunderte Plätze in der Kindertagesbetreuung. Um den Bedarf der Eltern perspektivisch zu decken, sind deutlich umfangreichere Investitionen erforderlich. Ein Problem dabei: Die erforderlichen Fachkräfte werden knapp.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Foto: Jonas Ginter

Jedes Jahr im Sommer veröffentlicht die Bildungsbehörde aktuelle Zahlen, wie viele Betreuungsplätze diesmal wieder fehlen, und fast schon hat inzwischen ein Gewöhnungseffekt eingesetzt. Im August 2020 konnte für knapp 1.100  Kinder kein Platz in einer Einrichtung gefunden werden. Doch was bedeutet das im bundesweiten Vergleich? Ein aktueller Report der Arbeitnehmerkammer zu diesem Thema zeigt: Zwar besuchen im Land Bremen seit 2013, als der Rechtsanspruch auf Betreuung von Kindern ab einem Jahr eingeführt wurde, derzeit fast 4.500 Kinder mehr eine Kindertageseinrichtung – verglichen mit anderen Bundesländern hinkt Deutschlands kleinstes Bundesland aber hinterher. So stieg hier die Betreuungsquote bei den unter Dreijährigen zwischen 2007 und 2019 von 10,5 auf 28,4 Prozent, was zunächst positiv ist. Doch der tatsächliche Bedarf der Bremer Eltern lag 2019 bei rund 48 Prozent. Nur Nordrhein-­Westfalen reihte sich in der Statistik mit einer Betreuungsquote von 28,2 Prozent noch hinter Bremen ein. Sachsen-Anhalt dagegen erreichte mit 58,2 Prozent einen mehr als doppelt so hohen Wert.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Betreuung der drei- bis sechsjährigen Kinder, wo Bremen im Ländervergleich inzwischen auf den letzten Platz gerutscht ist. Zwischen 2007 und 2019 stieg hier die Betreuungsquote nur leicht von 85,1 auf 86,6  Prozent (Elternbedarf: 98,3 Prozent), während andere Länder zum Teil deutlich größere Zuwächse verzeichneten. Oben in der Statistik steht Thüringen, wo sich aktuell 95,8 Prozent aller Kinder dieser Altersgruppe in einer Tagesbetreuung befinden. „Das bedeutet, dass in Bremen immerhin rund 13  Prozent der Kinder in keine Kita gehen“, betont Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Arbeitnehmerkammer. „Und das mit allen Konsequenzen. Es gibt zum Beispiel Kinder, die bei Schulbeginn noch nie einen Stift in der Hand hatten oder bei denen sich ein massiver Sprachförderbedarf bemerkbar macht.“ Die Bremer Landespolitik habe in den vergangenen Jahren zu Recht einen starken Fokus auf den Ausbau von Betreuungsplätzen für die unter Dreijährigen gelegt. „Im Bundesvergleich wird aber deutlich, dass auch bei den Drei- bis Sechsjährigen ein großer Nachholbedarf besteht.“

Fachkräfte dringend gesucht

Dass die vorhandenen Betreuungsplätze trotz aller Ausbau-Investitionen der vergangenen Jahre nicht ausreichen, hat mehrere Gründe. Zum einen bekommen die Bremerinnen und Bremer wieder mehr Kinder. Zum anderen ist die Zahl der Jungen und Mädchen im Kita-Alter auch durch die stärkere Zuwanderung seit 2015 schnell angestiegen. Darüber hinaus haben heute mehr Eltern als noch vor einigen Jahren den Wunsch, ihre Kinder schon früher betreuen zu lassen. „Für eine gute Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist es entscheidend, dass es genügend passgenaue Kita-Plätze gibt“, macht Thomas Schwarzer deutlich. „Es kann nicht sein, dass Eltern eine Arbeitsstelle nicht annehmen können, weil sie keinen Kita-Platz finden. Oder deswegen erst gar nicht nach Bremen oder Bremerhaven ziehen.“ Die Schaffung weiterer Plätze wird allerdings auch dadurch erschwert, dass mittlerweile nicht ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen. „Die Kapazitäten der Fachschulen für Erzieherinnen und Erzieher müssten deutlich ausgeweitet werden“, fordert Schwarzer. Zumal es ab 2025 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder geben soll und dann zusätzliche Fachkräfte benötigt werden. Zu diesen ohnehin schon großen Herausforderungen kommt jetzt auch noch die Corona-Pandemie hinzu.

„Corona hat den Kita-Alltag in den vergangenen Monaten stark verändert und verlangt den Kolleginnen und Kollegen sehr viel ab“, berichtet Grit Wetjen, Personalratsvorsitzende von Bremens größtem Kita-Träger Kita Bremen. Erkrankungen und Quarantäne-Maßnahmen hätten zudem zu einer erkennbaren Anspannung der Personalsituation geführt. „Unabhängig von der aktuellen Situation ist uns bewusst, dass die Programme zum Kita-Ausbau bisher noch nicht ausreichend waren“, sagt Wetjen. „Man muss aber auch sehen, dass wir zuletzt tüchtig zugelegt haben und Kita Bremen allein in den vergangenen vier Jahren fast 700 neue Beschäftigte eingestellt hat.“ Darüber hinaus zusätzliche Fachkräfte zu finden sei schwierig, weil der Markt praktisch leergefegt sei. Aus Sicht der Personalratsvorsitzenden ist es darum von entscheidender Bedeutung, die Ausbildungskapazitäten zu erhöhen und parallel dazu mehr Menschen zu motivieren, in erzieherische Berufe zu gehen – zum Beispiel über Akquise an Schulen oder eine Ausweitung des Freiwilligen Sozialen Jahres. „Und wir sollten überlegen, wie wir den Beruf attraktiver machen können“, meint Wetjen. „Bezahlung ist da nur ein Aspekt. Aus meiner Sicht sollten in bestimmten Bereichen auch Fachkarrieren möglich sein, damit engagierte Kolleginnen und Kollegen aufsteigen können, wenn sie das wollen.“

„Es kann nicht sein, dass Eltern eine Arbeitsstelle nicht annehmen können, weil sie keinen Kita-Platz finden.“
Thomas Schwarzer, Arbeitnehmerkammer Bremen

Unterschiede in den Stadtteilen

Dass weitere Erzieherinnen und Erzieher dringend benötigt werden, zeigt auch ein Blick in einzelne Bremer Stadtteile. Vor allem in kinderreichen Quartieren wie Blumenthal, Burglesum, Vegesack, Gröpelingen und Huchting verharren die Betreuungsquoten bei den unter Dreijährigen auf niedrigem Niveau unterhalb des Bremer Durchschnitts. „Gerade in Stadtteilen, in denen viele Familien mit wenig Geld leben, fehlen besonders viele Plätze“, macht Kammerreferent Thomas Schwarzer deutlich. Zugewanderte Familien seien häufig in diese Quartiere gezogen, weil es dort überhaupt freie Wohnungen zu günstigen Mieten gebe. „Für die soziale Teilhabe und Chancengleichheit dieser Kinder ist es wichtig, gerade dort den Kita-Ausbau weiter voranzutreiben.“ Das gelte jedoch ebenso für die gesamte Stadt, sagt Schwarzer: „Eine bedarfsgerechte Zahl an Kita-­Plätzen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Bremen für Familien attraktiv ist und die Kinder einen guten Bildungsweg gehen können.“

 

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