Zeit der Väter?

Warum immer noch so wenige Männer Elternzeit nehmen

Väter gehen häufiger in Elternzeit als noch vor einigen Jahren. Dennoch nutzen Männer die berufliche Auszeit für ihre Kinder nach wie vor seltener und sehr viel kürzer als Frauen. Woran liegt das?

Text: Frauke Janßen
Foto: Jonas Ginter

Für seinen ältesten Sohn hat Sebastian Segebade sich keine Elternzeit genommen. „Als ich vor vier Jahren im neuen Job anfing, hatte ich Bedenken, gleich monatelang wegzubleiben.“ Segebade ist Radiojournalist und vor sieben Monaten erneut Vater geworden – von nun drei Kindern.

Mit seiner mittlerweile dreijährigen Tochter wollte er mehr Zeit verbringen und vereinbarte mit seinem Arbeitgeber, für fünf Monate in Elternteilzeit zu gehen – eine Woche arbeiten und eine Woche zu Hause bleiben im Wechsel. Das Arbeitszeitmodell scheiterte an der Praxis: „Im laufenden Schichtbetrieb wurde ich immer wieder gefragt, ob ich einzelne Tage tauschen oder nicht doch für eine Wochenendschicht einspringen könne. Die freie Zeit für meine Tochter wurde ziemlich zerstückelt.“

Das fand der 33-Jährige so unergiebig, dass er nun beim dritten Kind beschlossen hat, die volle Elternzeit zu nehmen. Seit zwei Monaten ist Sebastian Segebade ganz für die Familie da. Das heißt zum Beispiel, wenn eines seiner größeren Kinder krank wird und nicht in die Kita gehen kann, kümmert er sich darum.

Insgesamt ist Segebade sieben Monate lang zu Hause, während seine Frau, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Osnabrück arbeitet, ihre Doktorarbeit schreibt. Er teilt sich die Elternzeit zu fast gleichen Teilen mit seiner Frau, die in den ersten sechs Lebensmonaten mit dem Jüngsten zu Hause blieb.

"Väter müssen sich trauen, in Elternzeit zu gehen."
Sebastian Segebade

Elterngeld gibt es seit zwölf Jahren

Vor rund zwölf Jahren wurde der gesetzliche Anspruch auf Elternzeit durch das Elterngeld ergänzt. Das heißt, während sich Elternteile – in den allermeisten Fällen taten das bis dahin die Mütter – für bis zu drei Jahre unbezahlt von der Arbeit freistellen lassen konnten, gibt es seit 2007 finanzielle Unterstützung vom Staat. Das sogenannte Basiselterngeld in Höhe von rund 65 Prozent des Einkommens lässt sich für die ersten zwölf bis 14 Monate beantragen.

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Eltern stehen gemeinsam insgesamt 14 Monate Basiselterngeld zu, wenn sich beide an der Betreuung beteiligen und den Eltern dadurch Einkommen wegfällt. Sie können die Monate frei untereinander aufteilen. Ein Elternteil kann dabei mindestens zwei und höchstens zwölf Monate in Anspruch nehmen. Alleinerziehende, die das Elterngeld zum Ausgleich des wegfallenden Erwerbseinkommens beziehen, können die vollen 14 Monate Elterngeld in Anspruch nehmen. Basiselterngeld können Eltern lediglich innerhalb der ersten 14 Lebensmonate des Kindes erhalten. Danach können sie das Elterngeld Plus beziehen oder auch den Partnerschaftsbonus.

Übrigens:

Nicht nur während der Elternzeit besteht die Möglichkeit in Teilzeit zu arbeiten. Auch für die Jahre danach gibt es Arbeitsformen, die es ermöglichen, im Sinne der Familie kürzerzutreten. Dazu gehören neben verschiedenen flexiblen Arbeitszeitmodellen auch der Sonderurlaub, sprich das Sabbatical oder das Homeoffice.

Weitere Infos zum Elterngeld

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt, dass der Anteil der Männer, die Elternzeit nehmen, seit Einführung des Elterngeldes von zuvor etwa drei Prozent auf 37 Prozent im Jahr 2016 gestiegen ist. In Bremen nehmen mit unter 30 Prozent noch weniger Väter die Elternzeit in Anspruch. Im Vergleich dazu gehen immer noch mehr als 90 Prozent der Mütter in Elternzeit.

Auch die Einführung des Elterngeld Plus im Jahr 2015, das den Elterngeldbezug mit einer Teilzeiterwerbstätigkeit kombiniert oder der erweiterte Partnerschaftsbonus, hat an der Ungleichgewichtung wenig geändert. Selbst im Erklärfilm des Bundesfamilienministeriums zum Elterngeld bleibt wie selbstverständlich die Beispiel-Mutter, eine Bauingenieurin, zehn Monate lang ganz bei ihrem Kind und teilt sich erst danach die Elternzeit mit ihrem Mann auf – mit Elterngeld Plus und anschließendem Partnerschaftsbonus.

Die klassische Rollenverteilung ist noch weitverbreitet

Woran liegt das? „Es gibt zwar zunehmend unterschiedliche und sehr vielfältige Familien- und Arbeitszeitmodelle – andererseits gibt es weiterhin viele Eltern, deren Rollenverteilung immer noch klassisch aussieht“, sagt Thomas Schwarzer, Referent für kommunale Sozialpolitik bei der Bremer Arbeitnehmerkammer. „Männer sollten selbstbewusster bei ihren Arbeitgebern auftreten und Zeit für ihre Familie einfordern und Frauen neben ihren Kindern auch auf ihre berufliche Weiterentwicklung bestehen“, fügt Thomas Schwarzer hinzu.

Um das politisch voranzutreiben, muss vor allem die Gleichbezahlung von Männern und Frauen erkämpft werden – und damit auch die Wertschätzung der weiblichen Arbeitskraft gegenüber der männlichen. „Das gilt besonders für Bremen mit einem traditionell männlich geprägten Arbeitsmarkt, das heißt vielen gut bezahlten Arbeitsplätzen vor allem in der Industrie“, sagt Schwarzer. Er spricht damit auch an, dass hier Frauen vom sogenannten Gender Pay Gap vergleichsweise stark benachteiligt sind.

„Es gibt weiterhin viele Eltern, deren Rollenverteilung immer noch klassisch aussieht.“
Thomas Schwarzer

Die gesellschaftliche Realität zeigt, dass die Verteilung der Elternzeit auch durch Bildung und Einkommen beeinflusst wird. „Wenn Frauen schlecht bezahlt arbeiten – wie zum Beispiel im Einzelhandel –, nehmen sich ihre Männer kaum oder gar keine Elternzeit. Wenn dagegen beide hoch qualifizierte und gut bezahlte Jobs haben, nehmen sich Männer inzwischen öfter eine Auszeit für ihre Kinder – auch länger als zwei Monate“, sagt Schwarzer. Doch auch in letzterer Gruppe gebe es immer noch die Rollenverteilung mit gut verdienendem Mann, dessen Frau die gesamte Kinderbetreuung übernehme, so Schwarzer.

Fest steht, dass das Bedürfnis nach Veränderung in den Köpfen beider Elternteile ankommen muss. „Väter müssen sich trauen, in Elternzeit zu gehen“, meint auch Sebastian Segebade. Wie wertvoll die Monate sind, die er seinem Kind widmet, merkt er jetzt. Die intensive Beziehung, die er während der Elternzeit zu seinem Jüngsten aufbaut, ist ein Geschenk für beide. Und auch mit seinen anderen Kindern kann er in den kommenden Monaten mehr Zeit verbringen als während des Arbeitsalltags. „Andersherum bedauert meine Frau, dass sie bei dem Kleinsten wahrscheinlich nicht dabei sein wird, wenn er zu krabbeln anfängt.“

Das wiederum ist ein Preis, den nicht alle Frauen zu zahlen bereit sind. Segebade kennt mehrere Beispiele aus seinem Bekanntenkreis, in denen die Mütter mindestens zwei Jahre lang zu Hause bleiben und ihre Kinder während dieser Zeit auch nicht in eine Kita bringen möchten. „Wir machen die Erfahrung, dass unsere Kinder extrem von der Kita profitieren“, hält Segebade dagegen.

 

Um bei der Gleichberechtigung nachzubessern, sind auch die Unternehmen gefragt. Sebastian Segebade ist in seinem Betrieb der erste Vater, der sich volle Elternzeit nimmt – allerdings weil er in einem besonders jungen Team arbeitet. Vorbehalte gegen seine Auszeit hat er von Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen nicht erlebt. „Die haben sich eher gefreut, dass ich mir die Zeit für mein Kind nehmen kann.“

Anders erging es Jens Kastner (Name geändert). Er arbeitet seit fast zwei Jahrzehnten als Projektmanager in der Energiewirtschaft. Für seine zehnjährige Tochter hat er sich zwei Monate und für seinen siebenjährigen Sohn gar keine Elternzeit genommen, weil es aus seiner Sicht keine passende Vertretung für seine Leitungsposition gegeben hätte. Aus heutiger Sicht räumt er ein: „Das war auch ein selbst auferlegter Zwang.“ In den vergangenen Jahren hat Kastner in seinem Unternehmen einen deutlichen Kulturwandel beobachtet. „Inzwischen nehmen die ­Männer häufi­ger und länger Elternzeit als noch vor zehn Jahren.“

Was sollten Unternehmen tun?

Führungskräfte stehen allerdings zwölf Jahre nach Einführung des Elterngeldes immer noch vor dem Problem, dass Unternehmen sie nicht monatelang ersetzen möchten. Das gilt aus Kastners Erfahrung auch für weibliche Führungskräfte.

Referent Schwarzer sieht darin vor allem das Problem veralteter und starrer Arbeitsorganisation und Rollenbilder: „Die Unternehmen müssen eine moderne Vereinbarkeitspolitik einführen – mit mehreren Führungskräften und flexibleren Arbeitszeitmodellen.“ Das dürfte in kleinen Betrieben, die mit Fachkräftemangel zu kämpfen haben, nicht immer einfach sein. Dennoch sind beweglichere Arbeitszeiten und Teilzeitmodelle die Weichensteller auf dem Weg zu mehr Gleichberechtigung und Vereinbarkeit.

Aus dem Arbeitsrecht AKB003_IconInfo

Während der Elternzeit besteht ein Kündigungsschutz, der ab dem Zeitpunkt der Antragstellung gilt. Innerhalb der ersten drei Lebensjahre muss der Antrag frühestens acht Wochen vor Beginn der Elternzeit gestellt werden – zwischen dem dritten und vollendeten achten Lebensjahr frühestens 14 Wochen vor Beginn.

Achtung: Vor allem für Väter kann es zu einem erhöhten Kündigungsrisiko kommen, wenn sie die Elternzeit früher als acht Wochen beziehungsweise 14 Wochen vor ihrem Beginn beantragen. Mütter sind davon in den ersten vier Monaten nach der Geburt des Kindes nicht betroffen, weil sie in dieser Zeit außerdem durch das Mutterschutzgesetz vor einer Kündigung geschützt sind.

Auch im Sinne der Kinder. Eltern, die beide Vollzeit arbeiten, zerreißen sich oftmals an den Herausforderungen des Alltags. Selbst mit guter Kitabetreuung ist Vollzeitarbeit mit einem Familienleben, das nicht nur zum Abendessen und am Wochenende stattfinden soll, kaum zu vereinbaren.

Kastners Frau Julia (Name geändert), Architektin, hat beim ersten Kind nach sieben Monaten wieder angefangen zu arbeiten: „Ich wollte meine Karriere weiterverfolgen und nicht zu lange raus sein aus dem Job.“ Sie war in ihrem Unternehmen, in dem sie inzwischen seit zwölf Jahren arbeitet, hoch anerkannt. „Nach der Elternzeit mit dem ersten Kind änderte sich das. Ich wurde von Vorgesetzten und auch von manchen Kolleginnen und Kollegen nicht mehr so wertgeschätzt wie vorher, als ich noch flexibel und ständig einsetzbar war.“ Seit neun Jahren arbeitet Julia Kastner in Teilzeit, sie betreut jedoch eigene Projekte und fühlt sich auch wieder anerkannt. „Dafür musste ich aber lange beweisen, dass ich nicht nur eine Mutti bin, die nur mit halber Kraft arbeiten kann.“

Heute bedauern Julia und Jens Kastner, dass sie die Elternzeit nicht zu gleichen Teilen genutzt haben. Sich gerade am Anfang des Lebens nicht intensiv mit seinen Kindern beschäftigen zu können, ist ein Verlust. Wie auch umgekehrt der Verzicht auf berufliche Weiterentwicklung keine Option sein sollte.

Kommentar von Ingo Schierenbeck, Hauptgeschäftsführer der Arbeitnehmerkammer Bremen AKB_Icon_Comment2

Familien mit kleinen Kindern zeitlich entlasten!

Viele Beschäftigte, insbesondere mit betreuungsintensiven Kleinkindern, geraten bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf unter enormen Zeitdruck. Für Alleinerziehende gilt das in zugespitzter Form. Diese auch als Rushhour des Lebens bezeichnete Phase muss zum Wohle der Gesundheit und für ein angemessenes Familienleben entzerrt werden.

Hier sind betriebliche und politische Maßnahmen gefragt. Im Fokus steht dabei die Elternzeit, in der Mütter und Väter absprechen, wer wie viel Zeit in der Familie und für die Erwerbsarbeit aufbringt. Der Gesetzgeber sollte hier weitere Anreize für eine geschlechtergerechte Aufteilung schaffen. Und mehr Unternehmen müssen Eltern – auch in leitenden Positio­nen – Zeitkorridore mit re­duzierten Arbeitszeiten bieten. Auch, um sie als ­qualifizierte Fachkräfte zu binden.

Infoveranstaltungen AKB003_IconInfo

Mutterschutz, Elternzeit und Elterngeld – Infos für werdende Eltern

  • Di., 11. Februar 2020, 18-19.30 Uhr, Bremen
  • Di., 18. Februar 2020, 17–18.30 Uhr, Bremerhaven
  • Di., 24. März 2020, 18–19.30 Uhr, Bremen-Nord
  • Di., 29. September 2020, 18–19.30 Uhr, Bremen-Nord
  • Di., 27. Oktober 2020, 18–19.30 Uhr, Bremen
  • Di., 17. November 2020, 17–18.30 Uhr, Bremerhaven

Väterzeit – Infos für (werdende) Väter

  • Di., 9. Juni 2020, 18–19.30 Uhr, Bremen

Zurück in den Beruf – der Spagat zwischen Kind und Beruf

  • Di., 15. September 2020, 17–18.30 Uhr, Bremerhaven

Weitere Infos zu den Veranstaltungen der Reihe "Ihr Recht - einfach erklärt"

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