Arbeit rund um die Uhr

Zwei Schichtarbeiter erzählen

In vielen Berufsfeldern gehört Schichtarbeit zum Alltag. Während ein Teil der Beschäftigten unter den unregelmäßigen Arbeitszeiten leidet und mit gesundheitlichen Beschwerden zu kämpfen hat, stehen für andere die Vorteile im Vordergrund. Ein Blick in die Praxis.

Text: Anne-Katrin Wehrmann
Fotos: Jonas Ginter

Die Luft in der riesigen Halle ist heiß und feucht, rund um die Fertigstraße zischt und rumpelt es: Es ist nicht zu überhören, wie die Walzgerüste das durchlaufende glühende Blech bearbeiten und auf die benötigte Dicke bringen. Das Warmwalzwerk des Bremer Stahlwerks ArcelorMittal ist nach dem Hochofen und dem Stahlwerk, wo das geschmolzene Roheisen in Rohstahl umgewandelt wird, die dritte Stufe im Produktionsprozess. Wie bei den anderen Stationen auch läuft die Produktion hier rund um die Uhr – und das heißt: Schichtarbeit. Vorarbeiter Björn Meyer hat an diesem Tag Spätschicht. Von 14 bis 22 Uhr ist es seine Aufgabe, am Steuerstand die Anlagen zu überwachen und die Einhaltung der Kundenvorgaben zu kontrollieren. Im Herbst 2004 begann der heute 32-Jährige seine Ausbildung zum Industriemechaniker im Stahlwerk. Seit Anfang 2008 arbeitet er im Schichtdienst. „Damals wollte ich das eigentlich gar nicht“, sagt er. „Heute finde ich es super.“

Für Björn Meyer und die meisten seiner Kollegen gilt ein so genanntes kurz-vorwärts-rotierendes Wechselschichtsystem. Das heißt: Alle zwei bis drei Tage findet ein Wechsel von Früh- auf Spät- auf Nachtschicht statt. Üblicherweise folgen auf sieben Arbeitstage fünf freie Tage. „Gefühlt habe ich mehr Freizeit als viele meiner Freunde, gerade auch zwischen den Schichtwechseln“, berichtet Meyer. „Wenn man diese Zeit zu nutzen weiß, ist das eine gute Sache.“ Dass sein Fußballteam hin und wieder beim Training und beim Spiel auf ihn verzichten muss, nimmt der 32-Jährige in Kauf. Für ihn überwiegen aktuell die Vorteile – zu denen auch gehört, dass er dank der Wochenend- und Nachtzulagen jeden Monat mehrere hundert Euro mehr in der Tasche hat. „Wenn ich eine Familie hätte oder irgendwann Schlafstörungen bekäme, würde ich das Ganze vielleicht anders sehen“, meint er. „Aber momentan möchte ich es nicht anders haben.“

Höheres Risiko für gesundheitliche Beschwerden

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nehmen Schichtarbeit dagegen als große Belastung wahr. Tobias Michel weiß das aus eigener Erfahrung: Mehr als 40 Jahre lang hat der 63-Jährige in der ambulanten Pflege und in Krankenhäusern gearbeitet, viele Jahre davon als Mitarbeitervertreter oder Betriebsrat. Am Schichtdienst störte ihn vor allem, dass er häufig spät abends müde und grübelnd nach Hause kam – und schon um kurz vor 5 Uhr wieder aufstehen musste, weil um 6 Uhr die Frühschicht begann. „Schlaf schneller, habe ich mir immer wieder gedacht“, berichtet Michel. „Aber bald wurde mir klar, dass ich das nicht ein Leben lang durchhalte.“ Wo es Betriebsräte gibt, haben diese zwar laut Betriebsverfassungsgesetz das Recht, über die Festlegung von Arbeits- und Pausenzeiten und damit auch über Schichtpläne mitzubestimmen. Das Arbeitszeitgesetz (ArbZG) legt darüber hinaus Grundnormen dafür fest, wann und wie lange Beschäftigte höchstens arbeiten dürfen: So muss zum Beispiel zwischen zwei Schichten eine Ruhezeit von mindestens elf Stunden liegen. Doch erstens ermöglicht das ArbZG Arbeitgebern insbesondere in Dienstleistungsbetrieben Ausnahmen von den Schutzregeln, zumindest mit Zustimmung des Betriebsrats. Und zweitens: „Die betriebliche Praxis ist oft grob illegal“, berichtet Michel. „Viele Arbeitgeber glauben, sie hätten bei der Schichtgestaltung Gewohnheitsrechte und müssten sich an rechtliche Vorgaben nicht halten.“

Zusammen mit der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi hat der 63-Jährige vor einiger Zeit die „Schichtplan-Fibel“ veröffentlicht, in der er Lösungen für Konflikte rund um die Arbeitszeit präsentiert. Darüber hinaus betreibt er im Internet eine gleichnamige Plattform, auf der er sowohl allgemeine Tipps und Informationen zum Thema bereitstellt als auch Fragen von Beschäftigten und Betriebsräten beantwortet. „Meistens enden die Einträge mit der Frage: Darf mein Arbeitgeber das überhaupt?“, berichtet Michel. „Dabei sollte die Frage doch viel eher lauten: Wollen wir das? Und welchen Ausgleich bekommen wir dafür? Oder aber: Was tun wir dagegen?“ Häufig schlage er dann vor, gemeinsam mit anderen Betroffenen eine Mail zu schreiben – entweder, um den Betriebsrat zu aktivieren, oder „um den Vorgesetzten mit ein paar Paragrafen über Bußgelder zu bremsen“.

Mit den gesundheitlichen Folgen von Schichtarbeit haben sich schon zahlreiche Studien beschäftigt. In einer Zusammenfassung der gesicherten arbeitswissenschaftlichen Erkenntnisse stellt die vom Bundesarbeitsministerium ins Leben gerufene Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) fest, dass Schichtarbeit – insbesondere auch unter Einbezug von Nachtarbeit – im Allgemeinen das Risiko für Schlafstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Störungen des Verdauungsapparats und psychovegetative Beschwerden erhöhe. Darüber hinaus sei mit familiären Beeinträchtigungen sowie Beeinträchtigungen der sozialen Teilhabe zu rechnen. Um die negativen Folgen zu minimieren, raten die INQA-Experten unter anderem dazu, vorhersehbare und überschaubare Schichtpläne aufzustellen und nicht mehr als drei Spät- oder Nachtschichten hintereinander zu planen. Darüber hinaus seien einzelne Arbeitstage sowie einzelne freie Tage zu vermeiden und  kurz-vorwärts-rotierende Schichtsysteme (wie bei den Bremer Stahlwerken) zu bevorzugen.

Christina Kasdorf ist operationstechnische Assistentin in der Prof.-Hess-Kinderklinik

 

Zunehmende Probleme mit zunehmendem Alter

In der Praxis gestaltet es sich allerdings häufig schwierig, Schichtpläne so aufzustellen, dass sie die Beschäftigten möglichst wenig belasten – gerade in kleinen Abteilungen. Christina Kasdorf ist Operationstechnische Assistentin in der Prof.-Hess-Kinderklinik, wo sie mit 16 Kolleginnen und Kollegen (davon elf in Teilzeit) eine Rund-um-die-Uhr-Besetzung von Kinder-OP und kinderchirurgischer Notaufnahme sicherzustellen hat. Neben dem Frühdienst von 7.30 Uhr bis 16.30 Uhr und dem Spätdienst von 10.30 Uhr bis 19.30 Uhr gibt es noch einen Bereitschaftsdienst, der von 15.30 Uhr bis 7.45 Uhr geht und eine Schlafmöglichkeit im Klinikum vorsieht. Bei planmäßiger Besetzung werden acht Pflegekräfte benötigt, um 24 Stunden abzudecken. „Manchmal wundere ich mich selbst, dass das so klappt“, sagt Kasdorf, die als Stationsleiterin seit drei Jahren auch für die Dienstpläne verantwortlich ist. „Wenn mehrere auf einmal im Urlaub oder krank sind, wird es schon sehr eng.“ Im Normalfall gelinge es ihr aber, bei der Planung die Wünsche ihres Teams zu berücksichtigen.

Zu der Frage, wann Dienstpläne zu veröffentlichen sind, gibt es keine gesetzlichen Vorgaben. Christina Kasdorf bemüht sich, die Pläne gut zwei Monate im Voraus fertig zu haben und fragt vorab ihre Kolleginnen und Kollegen, wer wann nicht arbeiten kann. Sie selbst sei eine Freundin der Schichtarbeit, sagt die 28-Jährige. „Mir gefällt der Wechsel der Arbeitszeiten: Da kann ich auch in der Woche mal ausschlafen, mich mit Freunden treffen oder zum Arzt gehen.“ Und wenn einmal unvorhergesehene private Angelegenheiten zu erledigen seien, ließen sich die entsprechenden Dienste meistens auch kurzfristig tauschen. Kasdorf weiß aber auch, dass manche Kollegen die Schichtarbeit durchaus als Belastung wahrnehmen. „Mit Familie ist das sicher schwieriger zu regeln, gerade auch was die Bereitschaftsdienste angeht. Und aus anderen Abteilungen weiß ich, dass mit den Jahren gesundheitliche Probleme auftauchen können.“

Das kann Burkhard Löchert bestätigen. Ab einem Alter von etwa 50 Jahren zeigten sich vermehrt Schlafprobleme, vegetative Störungen und Kreislaufbeschwerden bei den Schichtarbeitern, berichtet der Betriebsrat von ArcelorMittal. Ein großes Unternehmen wie das Stahlwerk mit seinen derzeit gut 3.000 Beschäftigten könne allerdings vergleichsweise flexibel auf unterschiedliche Bedürfnisse reagieren. „Wir haben hier mehr als hundert unterschiedliche Schichtmodelle“, berichtet Lörchert. „In einem Bereich testen wir zum Beispiel gerade ein Modell, in dem nur noch diejenigen Nachtschichten übernehmen, die das wirklich gerne machen – weil sie dadurch mehr verdienen oder weil sie die Arbeit dann als ruhiger wahrnehmen.“ Eine regelmäßige Untersuchung durch den Werksarzt sei in allen Modellen sichergestellt. „Wer aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schichttauglich ist, arbeitet auch nicht mehr im Schichtdienst“, betont der Betriebsrat. „Da hat der Betrieb eine Fürsorgepflicht – und letztlich ist es ja auch in seinem Interesse, dass es den Beschäftigten gut geht.“

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