Ausbildung mit Hürden

Geflüchtete in Bremen

Geflüchtete, die in Deutschland eine Ausbildung machen wollen, müssen viele Hürden überwinden. Wie ist die Situation in Bremen und was kann die Stadt tun, um ihnen den beruflichen Einstieg zu erleichtern?

Text: Insa Lohmann
Fotos: Kay Michalak

Rund 21.000 Beschäftigte arbeiten im Land Bremen im IT-Bereich, Mohammad Sabour Darvish von der Arbeitnehmerkammer Bremen ist einer von ihnen. Dass der heute 36-Jährige es überhaupt soweit geschafft hat, ist alles andere als selbstverständlich.

Denn Darvish kam vor sieben Jahren aus Afghanistan in die Hansestadt und sprach kein Wort Deutsch. Schon für Muttersprachler ist die IT-Ausbildung anspruchsvoll, für den gebürtigen Afghanen war sie mit besonderen Hürden verbunden. „Mir war schnell klar: Damit ich in Deutschland bleiben kann, muss ich etwas machen“, erinnert sich Mohammad Sabour Darvish.

Das sei anfangs nicht leicht gewesen: Ohne genehmigten Asylantrag standen ihm keine Sprach- und Bildungsangebote zur Verfügung. Zusammen mit anderen jungen Männern war Darvish in einer Flüchtlingsunterkunft untergebracht. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und keine Privatsphäre: „Das war schwierig.“ Umso froher war der 36-Jährige, als er 2015 eine eigene Wohnung fand. „Ab da konnte ich mich richtig auf die Sprache konzentrieren.“

Darvish begann auf eigene Faust Deutsch zu lernen, kümmerte sich um Anträge und Behördengänge. 2016 wurde sein Asylantrag genehmigt und der gebürtige Afghane konnte Sprachkurse belegen. Durch einen berufsbezogenen Deutschkurs kam er schließlich an einen Praktikumsplatz bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Und Darvish hatte eine Vision: „Ich wollte unbedingt eine IT-Ausbildung machen.“

Bereits in der afghanischen Hauptstadt Kabul, wo Darvish als Dolmetscher arbeitete, war er nebenberuflich mit IT-Aufgaben betraut. Darvishs Vorkenntnisse für eine Ausbildung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen waren gut, doch es haperte bei den Sprachkenntnissen. Sein Ausbildungsleiter Stephan Trautmann von der Arbeitnehmerkammer Bremen sieht hier die größte Hürde: „Es gab schon einige größere Herausforderungen, besonders aufgrund der Sprache.“ Für Mohammad Sabour Darvish war klar: „Ohne entsprechende Sprachkenntnisse kann man nichts erreichen.“

Das bestätigt auch Naji Chehade, der als Willkommenslotse im Haus der Handelskammer Geflüchtete und Unternehmen zusammenbringt: „Einige unterschätzen auch die Anforderungen, die Fachsprache mit sich bringt. Meine Erfahrung ist, dass Geflüchtete, die vorher eine Einstiegsqualifizierung absolviert haben, es wesentlich leichter in der Ausbildung haben und diese auch erfolgreich abschließen.“ Auch Darvish entschied sich für eine durch die Agentur für Arbeit geförderte betriebliche Einstiegsqualifizierung, und zwar bei der Arbeitnehmerkammer: So konnte der gebürtige Afghane nicht nur einen Einblick in das Berufsbild des Fachinformatikers bekommen, sondern in dieser Zeit auch seine sprachlichen Fähigkeiten ausbauen. „Sabour Darvish war sehr ambitioniert, Deutsch zu lernen“, sagt IT-Leiter Stephan Trautmann.

„Die Problematik ist sehr viel komplexer als nur die der Sprache, daher benötigen junge Menschen mit Fluchterfahrung von der Einstiegsqualifizierung bis zur Ausbildung individuelle Unterstützung.“
Kai Stührenberg, Staatsrat bei der Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa

Doch trotz eines hohen Maßes an Eigeninitiative stieß auch Mohammad Sabour Darvish mit dem Beginn der Ausbildung an seine Grenzen: „Ich wollte schon aufgeben“, sagt der 36-Jährige. Ausbildungsleiter Trautmann bestärkte ihn weiterzumachen, doch schnell war klar, dass weiterer Bedarf an Sprachfördermaßnahmen und außerbetrieblich geförderten berufsbegleitenden Hilfsangeboten nötig war. Insbesondere die Abschlussprüfung war sprachlich eine besondere Herausforderung für den Azubi. So musste Darvish drei Anläufe nehmen, bis er im Sommer schließlich erfolgreich seine Prüfung als Fachinformatiker für Systemintegration bestand. „Ich bin sehr dankbar für die Chance und Unterstützung, die ich bekommen habe“, sagt Mohammad Sabour Darvish. Heute ist er ein fester Teil des IT-Teams bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Mit seiner freundlichen und motivierten Art ist Sabour Darvish eine Bereicherung für unsere Abteilung“, so Stephan Trautmann.

Im Land Bremen arbeiten knapp 4.000 Beschäftigte mit Fluchthintergrund, 850 von ihnen machen derzeit eine Ausbildung hier. Wie Bremen Geflüchteten den Einstieg erleichtern kann, damit beschäftigt sich auch die Senatorin für Wirtschaft, Arbeit und Europa seit einiger Zeit sehr intensiv. „Es ist eine Herausforderung, primär eine sprachliche“, weiß Staatsrat Kai Stührenberg.

Aber die Problematik sei sehr viel komplexer, daher benötigen junge Menschen mit Fluchterfahrung von der Einstiegsqualifizierung bis zur Ausbildung individuelle Unterstützung. Seit 2017 fördert die Wirtschaftssenatorin daher die bei der Jugendberufsagentur angesiedelte „Aufsuchende Beratung Geflüchtete“, die 15- bis 25-Jährigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit Migrationshintergrund bei der beruflichen Orientierung helfen soll: Welche Berufe gibt es überhaupt? Und was wird benötigt, um in eine Ausbildung gehen zu können? „Es handelt sich um eine hochgradig individuelle Beratung“, betont Stührenberg. Dazu gehöre auch, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter direkt in die Übergangswohnheime gehen und vor Ort beraten. „Der persönliche Kontakt ist ganz wichtig.“

Sobald die jungen Menschen eine Ausbildung gefunden haben, sei eine große Hürde geschafft. Doch manchmal ziehen sich die sprachlichen Hürden bis zur Abschlussprüfung: „Wir müssen daher zum einen das Deutschniveau in der Ausbildung weiter stärken, zum anderen mit der nötigen Sprachsensibilität die Prüfungsformulierungen überdenken“, sagt Kai Stührenberg. „Denn Prüfungsergebnisse bilden das Know-how der Geflüchteten nicht ab.“ Der Staatsrat wünscht sich mehr niedrigschwellige Angebote in Sachen Ausbildung: „Wir müssen möglichst früh ganz viel in Geflüchtete investieren, damit sie in den Arbeitsmarkt kommen.“ Im kommenden Jahr soll die „Aufsuchende Beratung“, die in 2020 mehr als 1.300 Kurzberatungen sowie 120 längere Beratungsprozesse durchgeführt hat, weiter ausgebaut werden.

Adressen und Anlaufstellen

Die Aufsuchende Beratung der Jugendberufsagentur für 15- bis 25-Jährige berät individuell und vor Ort zu den Einstiegsmöglichkeiten im Rahmen einer Berufsausbildung . 

Die Willkommenslotsen – Beratung zur betrieblichen Integration von Geflüchteten im Hause der Handelskammer informieren zu allen Fragen der betrieblichen Integration von Flüchtlingen durch Hospitationen, Praktika, Einstiegsqualifizierungen, Ausbildung oder Arbeit.

Das Bremer und Bremerhavener Integrationsnetzwerk BIN berät Asylbewerber/-innen, Geduldete, anerkannte Flüchtlinge, Flüchtlinge mit einem humanitären Aufenthaltsstatus und jugendliche Flüchtlinge im Übergang von Schule zu Beruf bei der Suche nach einer Ausbildungs- oder Arbeitsstelle. 

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