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Pflegebeschäftigte im Land Bremen

28. Februar 2017

Text: Janina Weinhold
Fotos: Kay Michalak

Pflegeberufe gehören zu den angesehensten Berufen – trotz der oft widrigen Bedingungen wie anstrengende Schichtarbeit, Stress und wenig angemessene Löhne. Ein Blick auf Arbeitsbedingungen, Verdienste und Verbesserungsstrategien in Bremen




"Teilweise haben die Kolleginnen und Kollegen auf der Station das Gefühl, über dieGänge rennen zu müssen. Auf einer großen Station hier im Krankenhaus kümmern sich in der Frühschicht nur drei Krankenpflegekräfte  um 24 bis 28 Patienten. Es kommtvor, dass auf einer Normalstation nur eine Kollegin die Nachtwache hält", beschreibt Renate Sindt, Betriebsrätin am städtischen Klinikum BremerhavenReinkenheide die Situation des Pflegepersonals in der Krankenpflege. Es mag auf den ersten Blick paradox klingen.  Doch den examinierten Gesundheitsund Krankenpflegekräften und Krankenpflegehelfern hier geht es nicht um mehr Geld. Sie wollen Entlastung durch mehr Personal per Tarifvertrag durchsetzen.

Tarifbindung hilft: Verdienste in Bremer Krankenhäusern
Vergleicht man bundesweite Zahlen, so verdienen bremische Fach­ und Hilfskräfte in der Krankenpflege vergleichsweise gut. Der Grund: Ein Großteil der 14 Krankenhäuser ist in öffentlicher oder freigemeinnütziger Trägerschaft und zahlt Tariflöhne. Im Durchschnitt verdienen Gesundheits­ und Krankenpfleger 3.240 Euro im Monat. Mehr verdienen laut Pflege­Report 2016 nur die Kollegen im Saarland. In Hamburg dagegen sind nur noch vier von 45 Kliniken in öffentlicher Hand. Aufgekündigte Tarifverträge sorgen dort insgesamt für ein schlechteres Lohnniveau. Das Problem in allen Bundesländern: Auf eine veränderte Behandlungsfinanzierung reagieren viele Häuser mit Personalabbau.

Neues Finanzierungssystem, weniger Krankenpfleger
Zahlten die Krankenkassen früher pauschal für jeden Tag, den ein Patient im Krankenhaus verbrachte, werden seit 2004 Fixsummen für Diagnosen bezahlt. Seitdem bestimmen „diagnosebezogene Fallgruppen“, was die Kassen für eine Blinddarm­Operation im Komplettpaket bezahlen. Wie die Pauschalen innerbetrieblich eingesetzt werden, ist jedoch nicht vorgegeben. Und da Gehälter im Krankenhaus den größten Kostenanteil ausmachen, haben viele Krankenhäuser im Verwaltungs­ und Pflegedienst Stellen abgebaut. Zumal gleichzeitig Vorgaben für Mindestbesetzungen auf den Stationen weggefallen sind. „Sobald jemand krank wird, bricht jetzt der komplette Schicht­Dienstplan zusammen. Kollegen müssen regelmäßig an freien Tagen einspringen. So kann niemand seine Freizeit planen oder sich erholen, obwohl wir uns um mehr und deutlich kränkere Patienten kümmern müssen“, beschreibt Sindt das Problem in der Krankenpflege. Mit innerbetrieblichen Entlastungsmaßnahmen, wie einem Überstunden­Ampelsystem, Mitbestimmung bei den Dienstplänen oder besser gesteuerten Aufnahmen von neuen Patienten sei nichts mehr zu optimieren. „Wir bräuchten schlicht mindestens einen Kollegen mehr auf jeder Station“, sagt Sindt. Verdi will daher bundesweit geltende Regelbesetzungen für Krankenhausstationen durchsetzen. „Am Berliner Charité­Klinikum haben die Beschäftigten sich mehr Kollegen erstreikt. Das zeigt, Entlastung per Tarifvertrag geht“, sagt Kerstin Bringmann, Bremer Gewerkschaftssekretärin für den Bereich Pflege.




Fehlende Tarifverträge in der Altenpflege
Anders ist die Situation in der Altenpflege. Hier arbeiten Pflege­- und Hilfskräfte unter ähnlich belastenden Arbeitsbedingungen, verdienen aber bundesweit deutlich weniger als das Krankenpflegepersonal. Dabei herrscht in der Bremer Altenpflege seit Jahren ein akuter Fachkräftemangel. Nach Berechnungen des Sozialressorts wird die Zahl der Pflegebedürftigen in Bremen bis 2025 so deutlich steigen, dass mindestens 700 Fachkräfte in der Altenpflege fehlen. Schon jetzt zeigen aktuelle Zahlen der Arbeitsagentur, dass offene Stellen bis zu 227 Tage unbesetzt bleiben – der höchste Wert unter allen Bundesländern. Obwohl Fachkräfte in der Altenpflege heißbegehrt sind, steigen die Löhne nicht. Die Bezahlung hier ist also nicht nur eine Frage des Personalbedarfs. „Nach der Privatisierungswelle in der Altenpflege zu Beginn des Jahrtausends begingen viele Anbieter Tarifflucht. In Bremen haben wir kaum noch tarifliche Strukturen und die Gehälter wurden abgehängt von der allgemeinen  Lohnentwicklung. Außerdem sind die Kolleginnen und Kollegen häufig nicht gewerkschaftlich organisiert und entsprechend schwach bei der Durchsetzung von  Lohnforderungen“, benennt Kerstin Bringmann von Verdi einen wichtigen Grund. Aktuell verhandelt Verdi mit der Tarifgemeinschaft Pflege Bremen über einen  Tarifvertrag Altenpflege. Dieses Bündnis der großen Wohlfahrtsverbände will sich auf eine gemeinsame Tarifstruktur in der Pflege einigen. Dieser gilt zunächst nur für die  Verbände, die den Vertrag unterzeichnen. Die Politik könnte ihn im Anschluss für allgemeinverbindlich erklären – dann würde er für alle Anbieter gelten.

Regionaler Lohnwettbewerb mit System
Bremer Altenpflegehelfer verdienen nach aktuellen Angaben aus dem Pflegebericht 2016 im Schnitt nur 1.700 Euro brutto. Sie verdienen damit fast ein Viertel weniger als Hilfskräfte in allen anderen Branchen. Bremer Altenpflegefachkräfte verdienen im Mittel nur 2.366 Euro. In Baden­Württemberg dagegen können sie mit rund 360  Euro, in Nordrhein­Westfalen mit über 300 Euro mehr rechnen. Die regionalen Lohnunterschiede sind auch das Ergebnis eines harten Anbieterwettbewerbs im  Finanzierungssystem der Pflegeversicherung. Die Pflegeanbieter bekommen für ihre Leistungen nur anteilig Sätze von den Kassen. Den Rest muss der „Kunde“ privat zahlen. Und soweit es sich bei den Pflegebedürftigen um Sozialhilfeempfänger handelt, müssen die kommunalen Sozialämter mitfinanzieren. So kommt es zu regional  sehr unterschiedlichen Lohnstrukturen. „Fragmentiert und zersplittert“, nennt Michaela Evans vom Institut für Arbeit und Technik an der Hochschule Gelsenkirchen dieses  System. Die Pflegeforscherin – die auch auf der der Pflege­Veranstaltung der Arbeitnehmerkammer am 14. März referiert – hat die regional unterschiedlichen Tarifarrangements in der Altenpflege untersucht. „In Nordrhein­Westfalen zum Beispiel sind die großen Wohlfahrtsträger vielerorts noch Marktführer in der Altenpflege  und die Pflegesätze sind im Bundesvergleich relativ hoch. Entsprechend akzeptieren die Kassen dort höhere Preise. Die Großen haben also eher eine Chance, ihre höheren Lohnkosten durchzusetzen als Bremer Träger. Wettbewerb und Finanzierungslogik befördern so nach wie vor deutliche regionale Lohnunterschiede“, erklärt sie. Das Bündnis der Tarifgemeinschaft Pflege Bremen wertet sie als Schritt gegen den örtlichen Preiskampf. Alexander Wendt, Altenpflegefachkraft und Mitarbeitervertreter  der Stiftung Friedehorst, ärgert sich über das schlechte Lohnniveau in seiner Branche: „Die Kosten für Essen oder Mieten sind für alle Anbieter etwa gleich. Gespart wird bei den Personalkosten, die etwa 70 Prozent ausmachen. Dabei sehe ich nicht ein, warum meine Arbeit weniger wert sein soll als bei Mercedes am Band“,
kommentiert Wendt den Systemfehler.

Pflegekräfte auf der Flucht in die Teilzeit
Wendt arbeitet seit den späten 1980erJahren in der Altenpflege; zunächst als Altenpflegehelfer, seit fast neun Jahren als Fachkraft. Seitdem habe sich sein Beruf stetig gewandelt. Heute erfordere die Versorgung von immer älteren, mehrfach erkrankten Bewohnern ein hohes medizinisches Fachwissen. Jeder Pflegehandgriff sei derzeit  am rechnerischen Zeitaufwand ausgerichtet. „Als Altenpfleger erleben wir zum Beispiel tagtäglich, dass demente Bewohner nach Gesprächen dürsten. Sie gesellen sich gerne bei Übergaben dazu. Doch diese Realität ist nicht in die Arbeit meiner Kollegen eingerechnet und erfordert eine extrem hohe Frustrationstoleranz. Ich habe  größten Respekt vor den Kollegen, die diese Belastung in Vollzeit aushalten. Die meisten arbeiten in Teilzeit“, erzählt Wendt. In der Pflege kann davon ausgegangen werden, dass die Beschäftigten in sehr hohem Maße motiviert sind und ihren Beruf gern ausüben. Aber mit diesem Berufsethos verbindet sich natürlich auch der  Anspruch, seine Tätigkeit vernünftig ausüben zu können und nicht fortwährend an personelle und finanzielle Grenzen zu stoßen. Wendts Kollegen sind keine
Ausnahme. In Bremen liegt die Teilzeitquote in der stationären Pflege bei 74 Prozent. Die Gründe sind vielfältig. Zum einen werden oft nur Teilzeitstellen angeboten,  denn eine Teilzeitkraft ist im Krankheitsfall leichter zu ersetzen und auch eher in der Lage, flexibel einzuspringen oder Überstunden zu machen. Betriebswirtschaftliche Überlegungen sind aber nur ein Teil der Wahrheit. Viele Untersuchungen gehen davon aus, dass Pflegekräfte ihre Arbeitszeit immer häufiger reduzieren, um sich angesichts zunehmender Belastungen selbst zu schützen – durch die sogenannte „Flucht in Teilzeit“.

„Wenn in Befragungen zu den Gründen für Teilzeit 40 Prozent der Altenpflegerinnen sagen, ihr Beruf sei in Vollzeit zu stressig, dann stimmt da etwas nicht, dann müssen  andere Arbeitsbedingungen her“, sagt Elke Heyduck, Geschäftsführerin der Arbeitnehmerkammer. Denn nur mit Teilzeit seien viele Einkommen nicht mehr existenzsichernd.

Mit Einführung der neuen Pflegegrade soll Pflege sich zukünftig mehr am tatsächlichen Bedarf orientieren und zum Beispiel Erkrankungen wie Demenz besser  berücksichtigen. Mit dem Pflegestärkungsgesetz II soll außerdem erstmals auch in Deutschland ein wissenschaftlich fundiertes Verfahren zur Personalbemessung in Pflegeeinrichtungen entwickelt und erprobt werden. „Soweit, so gut“, sagt Heyduck, „aber dass Personal fehlt, das wissen wir heute schon“. Die Arbeitnehmerkammer plädiert daher seit Langem für Personalbemessungen in der Alten­ und auch Krankenpflege (siehe Kommentar). Alexander Wendt kümmert sich heute mit zwei Kollegen um über 30 demente Bewohner: „Wünschen würde ich mir doppelt so viele Kollegen.” Die Gewerkschaft Verdi fordert für die Zeit bis zur Einführung einer gesetzlichen Personalbemessung eine Übergangsregelung von rechnerisch einer Pflegefachkraft für zwei Bewohner. Immerhin ist mit dem neuen Pflegestärkungsgesetz die Frage der  Personalausstattung auf der politischen Agenda. Verbraucherverbände fordern schon lange, dass die Einrichtungen offenlegen, wie viele Fachkräfte auf die  Pflegebedürftigen kommen. „Die Personalausstattung ist ein Qualitätskriterium – nicht nur für Verbraucher“, so Heyduck. „Die enge Personaldecke, ob im Krankenhaus oder der Altenpflege, verhindert gute Arbeit. Die brauchen wir aber, wenn die Ausbildung attraktiv sein soll und wir für uns und unsere Angehörigen gute Pflege erwarten.“


Arbeitnehmerkammer-Positionen:
 

Kommentar
von Elke Heyduck, Leitung Politikberatung und Geschäftsführerin

Respekt vor den Pflegekräften!

Pflegekräfte arbeiten immer noch unter besonders schwierigen Bedingungen – ob im ambulanten Dienst, im Pflegeheim oder im Krankenhaus. Sie verdienen    vergleichsweise wenig und die Personaldecke ist so dünn, dass jeder Ausfall zum Problem wird. Das ist lange bekannt. In keinem Beruf herrscht daher so unumstritten   ein Personal­ und Fachkräftemangel wie im Bereich Alten­ und Krankenpflege.
Warum bessern sich die Zustände nicht? Kann es sein, dass die Politik insgeheim darauf baut, dass hier eine Berufsgruppe ganz besonders motivierter Kolleginnen – die  meisten sind Frauen – ihren Job auch für weniger Geld und zu schlechten Bedingungen machen?

Jetzt ist es an der Zeit, wirklich etwas für gute Arbeit zu tun: In den Häusern müssen bundesweite Personalschlüssel eingeführt werden, damit nicht eine Fachkraft für  immer mehr Patienten zuständig ist. Solange der Bund das Thema auf die lange Bank schiebt, muss das Land Bremen vorangehen, wie es das auch beim Mindestlohn  getan hat: Im Krankenhausplan könnten zumindest für unsere Krankenhäuser Personalschlüssel fest verankert werden – das Saarland macht es gerade vor. Die Bremer  Politik muss ihr Versprechen wahr machen und für gute Arbeit in der Bremer Pflege sorgen – auch wenn es bei Pflegesätzen und Tarifabschlüssen zulasten der  öffentlichen Kasse geht. So zeigt man Respekt vor den Pflegekräften.

Weitere Informationen:
 

Veranstaltung:
Gute Pflege – gute Arbeit?
Dienstag, 14. März 2017, 17.30 bis 19.30 Uhr, Forum der Arbeitnehmerkammer, Barkhausenstraße 16, Bremerhaven