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Nachwuchs gesucht

28. Februar 2017

Text: Janet Binder
Fotos: Kay Michalak

In den Betriebsräten sitzen in der Mehrzahl ältere Beschäftigte. Vor allem in den Gremiumsspitzen sind die meisten über 50 Jahre alt. Wenn sie in Rente gehen, hinterlassen sie eine schwer zu füllende Lücke. Doch es gibt auch andere Beispiele, die Mut machen



Die 28-­jährige Julia Roßner ist eine Exotin in ihrer Branche: Sie ist weiblich, jung und in der Betriebsratsspitze der Lürssen Werft. Mit Mitte 20 wurde sie in die Arbeitnehmervertretung gewählt, seit vergangenem Herbst ist sie eine von drei freigestellten Betriebsräten. „So jung als Frau freigestellt – das gab es bisher bei uns nicht“, sagt Julia Roßner. Sie rückte für einen in Rente gegangenen Kollegen nach.

Die Arbeit gefällt ihr. „Ich bin nah an den Menschen und lerne jeden Tag dazu.“ Für die Kollegen engagiert hat sie sich schon früh. Während ihrer Ausbildung zur  technischen Zeichnerin war sie Vorsitzende der Jugendvertretung. Für Julia Roßner lag es deshalb auf der Hand, sich bei den Betriebsratswahlen aufzustellen, als sie für das  JugendGremium zu alt wurde. Sie erhielt so viele Stimmen, dass sie gleich an die Spitze hätte aufrücken können. Als Neuling konnte sie sich das aber nicht vorstellen.  „Ich wollte erst mal gucken, wie sich alles entwickelt“, sagt die 28­-Jährige.

Minderheit der Interessenvertreter ist unter 30 Jahre alt
So junge Arbeitnehmervertreterinnen sind keine Selbstverständlichkeit. Bei der IG Metall in Bremen sind aktuell über 56 Prozent der Betriebsratsmitglieder 50 Jahre und älter. Nur gut drei Prozent sind unter 30 Jahre alt. In anderen Branchen sieht es ähnlich aus: Nach den letzten Wahlen 2014 stieg bundesweit der Anteil der über 46­-jährigen Mitglieder von 54,5 auf 60,5 Prozent, wie der „Trendreport Betriebsratswahlen 2014“ der Hans­Böckler­Stiftung zeigt. Unter 30 Jahre alt waren damals noch nicht einmal acht Prozent der Gewählten. Grund dafür ist nach Angaben von Mitautor Ralph Greifenstein, dass die Beschäftigten gerne die Interessenvertreter wiederwählen,  die schon länger im Amt sind. Dabei wird Nachwuchs dringend gebraucht: Die IG Metall hat errechnet, dass in ihren Branchen bundesweit vier von zehn Mandatsträgern  altersbedingt ausscheiden werden, wenn 2018 die nächsten Betriebsratswahlen anstehen.

Jüngere Kollegen zu gewinnen, ist nach Angaben von Greifenstein auch deshalb schwierig, weil viele nur befristete Verträge haben. Sie hätten Angst, dass ihnen ein Engagement in der Interessenvertretung die Aussicht auf ein unbefristetes Arbeitsverhältnis versperren könnte. Andere fürchten die Doppelbelastung von beruflicher  Arbeit und ehrenamtlicher Betriebsratstätigkeit. „Wer sich in der Mitbestimmung engagiert, ist meistens beruflich schon etabliert, will etwas im Betrieb verändern und über den Tellerrand blicken“, sagt die Bremer IG­Metall­Gewerkschaftssekretärin Stefanie Gebhardt.

Betriebsratsarbeit als Karrierekiller? Nein, sagen Experten
Alarmierend sei aber vor allem die hohe Altersstruktur bei den freigestellten Betriebsratsmitgliedern und damit bei den Führungskräften, sagt Professor Erhard Tietel  vom Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen (zap). 60 Prozent der Betriebsratsvorsitzenden waren im Jahr 2015 51 Jahre oder älter, wie eine Befragung  im Auftrag des Wirtschafts­ und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans­Böckler­Stiftung ergab. „Wenn die in den nächsten Jahren in Rente gehen, hinterlässt das  Löcher“, betont Betriebsräteforscher Tietel.

Viele Jüngere hätten Bedenken, es könne ihrer Karriere schaden, wenn sie einige Zeit freigestellt werden. Dabei sei eher das Gegenteil der Fall. „Betriebsratsvorsitzende haben eine hervorgehobene Position, sprechen auf Augenhöhe mit der Geschäftsführung und repräsentieren den Betriebsrat auch für die Gewerkschaft“, sagt Tietel. Die wenigsten kehrten deshalb nach der Freistellung zurück in ihren Grundberuf. „Die Betriebsratsarbeit ist eine wichtige Qualifikationszeit“, begründet er.

Die Erfahrung zeige, dass die Beschäftigungsmöglichkeiten im Anschluss vielfältig seien: Die ehemaligen Betriebsräte werden Fachkräfte für Arbeitsschutz, Berater, Gewerkschaftssekretäre, Arbeitsdirektoren, gehen in die Personalabteilung oder in die Politik.

„Man entwickelt sich im Betriebsrat enorm weiter“
Auch Julia Roßner könnte sich solche Tätigkeiten für ihre Nach­Betriebsratszeit vorstellen. Eine Rückkehr in ihre Abteilung schließt sie zwar keineswegs aus. „Mein Herz schlägt aber in Richtung Interessenvertretung.“ Auch freiberuflich Seminare zu geben oder junge Leute auf dem Weg zur Interessenvertretung zu begleiten, gehören zu ihren Gedankenspielen.

Das sind Perspektiven, die auch für den 31­jährigen Torsten Olthoff nicht abwegig sind. Er war 28, als er in den Betriebsrat von Airbus in Bremen gewählt wurde. Damit  ist er in seinem Unternehmen aktuell der jüngste Interessenvertreter. Eine Rückkehr in seine Fachabteilung kann sich der gelernte Fluggerätemechaniker eher nicht  vorstellen. „Man entwickelt sich im Betriebsrat enorm weiter.“ Er hat schon bei einem Senatsempfang vor 300 Personal­ und Betriebsräten gesprochen und sitzt mit Vorgesetzten am Verhandlungstisch. „Mir macht es Spaß, meine Meinung einzubringen, Themen mitzugestalten und Kollegen zu vertreten.“
Seine berufliche Zukunft sieht er deshalb erst einmal im Betriebsrat. Wichtig für ihn war stets, von älteren Kollegen gefördert zu werden. „Wenn sie einen nicht  unterstützen und ihr Wissen teilen, funktioniert das nicht.“

So wie Olthoff wird sich auch Roßner 2018 wieder aufstellen lassen. Damit der Nachwuchs nicht ausbleibt, ist sie schon jetzt aktiv. „Ich rede mit jungen Leuten, kläre sie  über die Betriebsratsarbeit auf, nehme ihnen Ängste.“ Dabei sei sie ganz ehrlich. „Es nützt ja nichts, wenn ich sage, alles ist ganz toll und einfach.“ Gerade als nicht  freigestellte Interessenvertretung sei die Doppelbelastung hoch, zumal sich viele – so wie sie auch – noch in der Gewerkschaft engagierten, so Roßner. Die Erfahrung  zeige, dass die Betriebsratsmitglieder dafür viel zurückbekommen: Nicht zuletzt die Dankbarkeit der Kollegen, für die man sich eingesetzt hat. „Es ist schön zu sehen,  dass man Leuten helfen kann“, sagt auch Torsten Olthoff.


Weitere Informationen:
 

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